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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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127 fie wieder. Selbstverständlich müssen Sende- und Empfangseinrichtung exakt synchron laufen, damit die Übertragung gelingt. 25 Nach einem Versuchsbetrieb nimmt am 1. Dezember 1927 zwischen Berlin und Wien ein öffentlicher Bildtelegrafendienst den Regelbetrieb auf. Es ist der erste Dienst seiner Art am Kontinent. Entsprechend groß ist das Aufsehen, das er verursacht. Die Fachpresse überschlägt sich in ihrer Be­wertung. Das übermittelte Bild scheine das Original an Feinheit und Schär­fe fast noch zu übertreffen. 26 Das Bildformat ist zunächst auf 10 mal 19 Zentimetern limitiert, wird später aber erweitert. Als Mindestgröße gelten 10 Zentimeter Breite und 4 Zentimeter Höhe, wofür in den Anfängen eine Gebühr von 13 Schilling 60 Groschen anfällt. Für jeden weiteren Zentime­ter an Bildhöhe steigt die Gebühr um 3 Schilling 40. Bei Übermittlung in den aufkommensruhigeren Nachtstunden gibt es eine Ermäßigung. 27 Aufgeben kann man Bildtelegramme vorerst nur an ausgewählten Äm­tern in Wien und den Landeshauptstädten. Von dort gehen sie innerhalb Wiens per Rohrpost und von außerhalb per Eilbrief, gegebenenfalls unter Nutzung der Flugpost, an die Wiener Bildstelle zum Abtelegrafieren. Umgekehrt können Bildtelegramme an alle Orte in Österreich geschickt werden. Die Zustellung an den Adressaten erfolgt im Raum Wien wie bei Telegrammen, außerhalb Wiens als Eilbrief, nötigenfalls mit der Flugpost bei größeren Entfernungen. 28 Allerdings bleibt die Nachfrage gering, was auf die hohen Kosten zurück­geführt wird. Doch mag auch die heraufziehende Wirtschaftskrise ihren Anteil daran haben. Denn auch der allgemeine Telegrammverkehr geht in den ausgehenden 1920er-Jahren beständig zurück. 29 Gleichzeitig werden zur Deckung steigender Betriebskosten die Tarife wieder in erheblichem Maße erhöht: die Wortgebühr für ein gewöhnliches Inlandstelegramm An­fang 1929 von 10 auf 12 und Anfang 1930 auf 15 Groschen. 30 Die Gebühren­erhöhung hat Proteste in Wirtschaftskreisen zur Folge, 31 die sich darin in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt sehen. Der Krise folgt der Kollaps. Die wichtigste österreichische Bank, die Cre­ditanstalt , wird nach diversen Rettungskäufen anderer Banken selbst zum Sanierungsfall und muss im Mai 1931 ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Mit dem Eskalieren der Wirtschaftskrise kommt es zu einem dramatischen Einbruch des Telegrammverkehrs. Die Zahl der Inlandstelegramme sinkt zwischen 1931 und 1933 von 1 Million auf 700.000, die der Auslandstele­gramme von 2,1 Millionen auf 1,5 Millionen und jene der Radiogramme von 1,2 Millionen auf 800.000, 32 insgesamt auf 3 Millionen, also auf deutlich weniger als die Hälfte des Werts von 1927.