135 Berlin kurzerhand gefälscht. Am 12. März 1938 um 6 Uhr früh marschieren deutsche Truppen über die Grenze. Das Deutsche Reich schafft vollendete Tatsachen – unter dem Jubel zahlloser Österreicherinnen und Österreicher, die die Straßen säumen. Mit der Annexion Österreichs geht die Post- und Telegraphenverwaltung in der Deutschen Reichspost auf. 16 Letztere verfügt dadurch über einen Amtsapparat mit 49 Reichspostdirektionen, darunter jüngst hinzugekommenen in Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Linz und Wien. Das österreichische Telegrafennetz wird in das deutsche eingegliedert, der Tarif auf den deutschen umgestellt. Fortan gilt ein Ortstarif von 8 Reichspfennig(umgerechnet 12 Groschen) pro Wort, der etwas günstiger ist als der bisherige österreichische Tarif, und ein um die Hälfte teurerer von 15 Pfennig (also 22,5 Groschen) für den Ferndienst innerhalb des Reichsgebiets. 17 Ähnliches geschieht beim öffentlichen Fernschreibbetrieb. Das Wiener Fernschreibamt wird ins deutsche Fernschreibnetz eingegliedert, das im gesamten Reichsgebiet nunmehr rund 600 Teilnehmer umfasst. Die vormaligen österreichischen Telegrafenbeamten werden auf den„Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler“ vereidigt. Die Eidesformel lautet:„Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ 18 Ausgenommen sind politisch unerwünschte Bedienstete sowie Bedienstete jüdischer Herkunft, die ihre Anstellung verlieren. 19 Nachbesetzungen erfolgen aus den Reihen nationalsozialistischer Parteigänger. Unter dem Hakenkreuz tritt die Reichspost wieder deutlicher als Teil des staatlichen Machtapparats auf anstatt als kommerzielles Dienstleistungsunternehmen wie in den vergangenen Jahren. Dabei wird die Telegrafie zum Befehlsnetz der Diktatur, wie dies der Chef der politischen Polizei Reinhard Heydrich im November 1938 eindrücklich demonstriert. In der so genannten „Reichskristallnacht“ organisiert er durch ein Fernschreiben den reichsweiten Polizeieinsatz im Hinblick auf zu erwartende„Demonstrationen gegen die Juden“. Jüdische Geschäfte dürfen seiner Anordnung nach zerstört, nicht aber geplündert werden; nicht jüdisches Eigentum ist durch die Polizeikräfte zu schützen. Ausländer dürfen nicht angegriffen werden, selbst wenn sie Juden sind. 20 Solche Fernbefehle zur Steuerung des Volkszorns ergehen natürlich streng geheim. Zu den zukunftsträchtigen Diensten zählt in diesen Tagen die Bildtelegrafie, die vor allem von der Presse genutzt wird. Fotos gelangen auf diesem Weg schnellstmöglich an entfernte Redaktionen, um noch in der Ausgabe des betreffenden Tages erscheinen zu können und die Konkurrenz auszustechen. Dabei stellt ein bildtelegrafisch übermitteltes Motiv anfangs eine
Dokument
Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Seite
136
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten