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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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137 ner Aufnahme von Hitler und Mussolini in München etwa wird angemerkt, sie sei bereits eineinhalb Stunden nach dem Ereignis beim Empfänger in Rom eingelangt. 21 Motive gibt es im Überfluss. Es ist eine Zeit riesiger öffentlicher Inszenie­rungen, mit denen das Regime über die Massenmedien die Masse der Volksgenossinnen und Volksgenossen zu vereinnahmen versucht. Dies gilt besonders für die Massenereignisse der Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg. In Vorbereitung des Parteitags des Jahres 1938 werden im Telegrafenamt Nürnberg zusätzliche Leitungen und mehrere Fernschreib­dauerverbindungen sowie eigens Bildtelegrafenstationen für die Presse eingerichtet. Letztere stehen mit zahlreichen Hauptstädten der Welt in Verbindung, davon manchen wie Buenos Aires und New York auch in Übersee. 22 Sie sollen in- und ausländische Zeitungen mit aktuellen Moti­ven des deutschen Staatsspektakels versorgen. Die Bilder vermitteln eine deutliche Botschaft von einem uniformierten, in Reih und Glied ausge­richteten Volk, das nötigenfalls auch für einen Krieg bereitstehe. Hitler selbst erscheint dabei als angebetete Erlöserfigur, monopolistisch in Szene gesetzt von seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann. 23 Gleichzeitig soll das noch recht bescheidene öffentliche Bildtelegrafen­netz, das nach der Eingliederung der Bildstelle in Wien aus zehn Stellen besteht, ausgebaut werden. Zur Ankurbelung des Aufkommens tourt ein aus vier großen Fahrzeugen bestehendes, fahrbares Telegrafenamt durch die Lande. Während der Berliner Funkausstellung im August 1938 bezieht es im Funkturmgarten Quartier und bietet interessierten Privatleuten die Gelegenheit, ein Bildtelegramm innerhalb des Reiches um 1 Reichsmark 50 zu versenden. Im September 1938 parkt es seine Fahrzeuge anlässlich des Reichsparteitages in Nürnberg. 24 Von hier aus können auch Schmuck­blatttelegramme verschickt werden, also Telegramme, die in einem deko­rativen, vorgedruckten Umschlag ausgeliefert werden und in ihren Motiven selbstverständlich auch Propagandaaufgaben erfüllen. Zur Auswahl stehen die MotiveNürnberg, die Stadt der Reichsparteitage undDer Führer in Nürnberg. 25 Ein solches Telegramm kostet an jeden Zielort im Inland mit bis zu zehn Worten nur 75 Reichspfennig. 26 Es soll Besucherinnen und Besucher animieren, Grüße an ihre Angehörigen daheim zu schicken, um sie auf diese Weise am Parteitag teilhaben zu lassen. Damit stellt sich die Reichspost in den Dienst der Veranstaltung, das Volk hinter seinemFüh­rer zu versammeln. Eine besonders obskure Form nimmt die Vermarktung von Telegrammen in Verbindung mit dem herrschenden Führerkult an. Im April 1939 wird die Bevölkerung aufgefordert, zum Preis von 1 Reichsmark 50 ein Bildte­legramm an Adolf Hitler anlässlich seines 50. Geburtstags zu senden. Das