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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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142 der Wehrmacht zu adaptieren und auszubauen. 3 Hier sollen im Kriegsfall die Drahtverbindungen der auf gegnerisches Territorium vormarschieren­den Heeresverbände anknüpfen, um die rückwärtigen Kommanden mit den Fronten in ständiger Verbindung zu halten. Neben Leitungen und Apparaten stellt die Reichspost auch Fahrzeuge und Personal für den Militärdienst ab. Im Juli 1939 proben zehntausend Nachrichtensoldaten in einem Manöver den Krieg, der einige Wochen später, in den Morgen­stunden des 1. September 1939, mit dem Überfall auf Polen tatsächlich beginnt. An diesem Tag dringen deutsche Verbände gleichzeitig von Westen, Norden und Süden ins Land ein und vollziehen dabei eine am Kartentisch geplante Zangenbewegung in Richtung Warschau. Voraussetzung für eine großräumige Operation wie diese ist das nachrichtentechnische Netzwerk, das jederzeit Verbindung zwischen den weit auseinander operierenden Einheiten untereinander und mit der Führung im Hinterland sicherstellen soll. Dazu müssen die Nachrichtensoldaten während des Vormarschs, oft inmitten des Kampfgeschehens, ihre Kabel mit der Geschwindigkeit des motorisierten Bewegungskrieges verlegen. Das Zusammenspiel zwischen Nachrichten- und kämpfenden Truppen funktioniert aber nicht wie geplant. Oft bereitet das Tempo, mit dem der Vormarsch vor sich geht, unüberwindliche Schwierigkeiten. Wenn Nach­richtenabteilungen nicht in der Lage sind, schnell genug Drahtleitungen zu errichten oder solche aus anderen Gründen unmöglich sind, müssen die Armeeeinheiten auf Funk zurückgreifen, der mithilfe der Verschlüsselungs­maschine Enigma verschlüsselt wird. 4 Mitunter scheitern aber auch Versu­che, Funkverbindungen aufzubauen an der mangelhaften Ausbildung von Funkern oder schlicht daran, dass vorher verabsäumt worden ist, die dazu nötigen Funkunterlagen auszutauschen. 5 Mittlerweile Chef der Wehr­machtnachrichtenverbindungen im Oberkommando der Wehrmacht , lässt Fellgiebel daraufhin mit Nachdruck die bestehenden Kabelverbindungen der polnischen Post reparieren, um abgerissene Verbindungen zwischen deutschen Verbänden rasch wiederherzustellen. 6 Die polnische Armee sieht sich einem weit überlegenen Angreifer ge­genüber und muss Anfang Oktober kapitulieren. Die Bilanz des zweiwö­chigen Krieges ist desaströs: hunderttausende polnische Soldaten sind tot, verwundet oder in Kriegsgefangenschaft. Die Wehrmacht verzeichnet deutlich geringere Verluste. Darüber hinaus endet das Sterben für die Polen längst noch nicht. Nachrückende deutsche Polizei- und SS-Einheiten vollziehen in den besetzten Gebieten brutale Mordaktionen unter Polens Judentum, Intelligenz, Geistlichkeit und Adel. 7 Polen soll kolonisiert und seiner führenden Gesellschaftsschicht beraubt, die Masse der Bevölke-