Vom Lebenssinn der Technik.
Von
Hofrat Dr. Ing. E. h. L. Erhard.
Einleitung.
Infolge der engen Lebens- und Kulturverbundenheit der Technik bildet die Arbeitsleistung des werktätigen Menschen seit altersher eine kulturgeschichtliche, eine wirtschaftliche und eine soziologische Frage. Neuerdings werden nun die körperlichen Eigenschaften und Leistungen von Lebewesen auch im naturwissenschaftlich-technischen Sinne erörtert, und die moderne Biologie hat durch ihre Zweigwissenschaften Biomechanik, Biophysik und Biochemie einwandfrei fest- gestellt, daß die Organismen hinsichtlich ihres tektonischen Aufbaues, ihres Stoffwechsels und ihrer Formwandlungen in wesentlichen Zügen mit den technischen Gebilden übereinstimmen.
Angesichts dieser neuen und innerhalb ihrer Grenzen durchaus gültigen technischen Auffassung der Organismen liegt es nun nahe, darnach Umschau zu halten, ob nicht umgekehrt auch die Entwicklung der Technismen bis zu einem bestimmten Grade biologisch deutbar wäre, zumal seitdem der Heilbronner Arzt Robert Mayer aus der Verfärbung des Venenblutes in den Tropen, also aus einer rein biologischen Beobachtung das Hauptgesetz der neuzeitlichen Technik, das Gesetz von der Erhaltung der Energie, in geradezu hellseherischer Weise abgeleitet und erstmalig im Jahre 1842 veröffentlicht hat. — In der Tat stellte späterhin E. Kapp 1877 in seinen „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ die Lehre von der „Organprojektion“ auf, wonach alle Technismen im menschlichen oder tierischen Körper derart vorgebildet seien, daß sie der Erfindergeist nur in die Welt hinauszuprojizieren brauche, um geeignete Behelfe für die verschiedensten technischen Nutzanwendungen zu erhalten. Demnach wären also unsere Werkzeuge, Maschinen und Apparate nichts anderes als leibfremde Nachahmungen bereits vorgebildeter Organismen. — So überaus einfach, wie sich Kapp die Beziehungen zwischen Biologie und Technik vorgestellt hat, liegen nun freilich die Dinge in Wirklichkeit nicht und wie weit seine scheinbiologischen Grübeleien von der Erfahrung abweichen, vermögen die folgenden Beispiele aus alter und neuer Zeit schlagend aufzuzeigen. Die Technikgeschichte weist nach, daß das umlaufende Rad schon seit Jahrhunderten eine Hauptgrundlage der technischen Entwicklung bildet, obgleich diese Art der Rotation bei den höher entwickelten Lebewesen überhaupt fehlt und daher auch nicht zur Organprojektion dienen kann. — Ein neuzeitliches,
Geschichte der Technik, 3. H.
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