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L. Erhard
die Organprojektion gleichfalls ausschließendes Beispiel bieten die elektrischen Wellen der drahtlosen Telegraphie und Telephonie, denn der menschliche Körper besitzt für diese Wellen weder Sendeorgane noch Sinneswerkzeuge, also überhaupt nichts, was in diesem Falle „hinausprojiziert“ werden könnte. — Auch die Kinematographie entstammt keineswegs organischen Vorbildern; sie benützt geradezu einen Sehfehler des Auges, das rasch wechselnde Eindrücke nicht zu sondern vermag, zur Vereinigung von getrennt aufeinanderfolgenden Momentaufnahmen in ein scheinbar zusammenhängendes Laufbild. — Der Fortschritt der Technik beruht also bei solchen grundlegenden Erfindungen keineswegs, wie Kapp annimmt, auf der Nachahmung vorgebildeter Organismen, sondern die Technik geht hier als gestaltende Wissenschaft ihren eigenen Weg und entfernt sich dabei sogar immer mehr und mehr vom Gebrauch organischer Stoffe und Kräfte.
Eine von naturphilosophischen Spekulationen freie Darstellung des Lebenssinnes der Technik hat sich daher nicht auf unbestimmte biologische Ähnlichkeiten, sondern auf feststehende Ergebnisse der Lebenskunde und der Technikgeschichte zu stützen, wenn anders die biologische Auslegung der Technik als eine vollberechtigte Umkehrung der Biotechnik, d. h. als „Technobiotik “, 1 gelten soll. — Wie nun die Biotechnik die Welt der Organismen mit dem geistigen und materiellen Rüstzeug der technischen Mechanik, Physik und Chemie durchforscht, so hätte die Technobiotik umgekehrt das Werden und Wirken der Technismen biologisch zu deuten. Ihrer Aufgabe und ihrer Begriffsbestimmung gemäß wäre demnach die Technobiotik jener Zweig der Technikgeschichte, welcher den Bau, die Leistung und die Entwicklung der Technismen mit dem Bau, der Leistung und der Entwicklung der Organismen prüfend vergleicht. Ein Hauptzweck der Technobiotik bestünde überdies darin, den weitverbreiteten Irrwahn über die Zerstörung hoher Lebenswerte durch die Technik zu entkräften und es dem Gewissen der Zeit einzuhämmern, daß die richtig, d. h. zum Gemeinwohl angewendete Technik ein lebenswichtiges und lebensnotwendiges Glied im Gesamtorganismus der Kultur bildet.
Organismen und Technismen.
Die Technobiotik ist zur Vergleichung von Lebewesen mit technischen Gebilden berufen und sie hat daher den Aufbau, den Stoffwechsel und den Formwandel der Organismen und der Technismen in den Kreis ihrer Untersuchungen zu ziehen, wobei die neue Lehre des Holismus 2 einen gangbaren Weg aufzeigt, welcher von der hohen Warte der Biologie nach erfolgtem Ausschalten spezifischer Lebensakte zu jenen physikalisch-chemischen Vorgängen herabführt, die in den Organismen und gleichermaßen auch in den Technismen wirksam sind. — Zwischen Mensch
1 Das Wort „Biotik“ in der Bedeutung von „Lebenslelire“ hat C. W. Hufelaxd durch sein berühmtes Werk über ,,M a k r o b i o t i k oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ schon 1796 dem Sprachschatz ein verleibt.
2 Aus dem Griechischen (oAo* = ganz). — Nach Adolf Meyer, Band I des Sammel- Averkes „Bios“ (Leipzig 1934), trachtet der Holismus als Ganzheitslehre darnach, den in der Biologie herrschenden Gegensatz zwischen der vitalistischen und der mechanistischen Lehrmeinung zu übenvinden und sohin ZAA’ischen den organischen Kausalitäten und den physikalischen Gesetzmäßigkeiten eine Erkenntnisbrücke zu schlagen.