Aufsatz 
Vom Lebenssinn der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
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Vom Lebenssinn der Technik.

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und Maschine gibt es gleichfalls deutlich erkennbare Ganzheitsbeziehungen, denn in jedem Menschenleib stecken biotische Technismen und in jeder Maschine steckt Menschengeist.

1. Tektonischer Aufbau. Seit der denkwürdigen Entdeckung der beiden Züricher Gelehrten, des Anatomen G. H. v. Meyer und des Ingenieurs K. Culman, wonach die Anordnung der Spongiosabälkchen im vorkragenden Kopfende des menschlichen Oberschenkelknochens mit dem berechneten Verlauf der Kraft­linien in einem Kranausleger genau übereinstimmt, wurde späterhin durch zahl­reiche Untersuchungen von W. Roux, G. Haberlandt und sonstigen namhaften Forschern nachgewiesen, daß der Bau und die Gestalt von Pflanzen und Tieren infolge funktioneller Anpassung weitgehend der technischen Festigkeits- und Konstruktionslehre entsprechen; hierher gehören auch die Untersuchungen von R. France überDie Pflanze als Erfinder sowie die gestaltlichen Anpassungen der mannigfachen Wal- und Robbenarten an ihre Lebensweise im Wasser, die alle, im Gegensatz zu anderen Säugetieren, technisch richtige Stromlinienformen an­genommen haben. Da nun anderseits der Technologe E. H artig bei einer Reihe von Werkzeugen für Holz- und Metallbearbeitung gleichfalls die funktionelle An­passung festgestellt und durch denGebrauchswechsel erklärt hat und da überdies Torpedos, Unterseeboote, Luftschiffe, Flugzeuge und neuerdings auch Kraftwagen und sonstige Schnellfahrzeuge ebenfalls wind- und wasserschlüpfige Gestalten auf­weisen, so bestehen also in tektonischer Hinsicht grundsätzliche Übereinstim­mungen zwischen Organismen und Technismen.

2. Stoffwechsel. Auch auf dem Gebiete des Stoffwechsels hat die neuere Forschung bemerkenswerte Gleichheiten zwischen körperlichen Leistungen und Maschinenleistungen zutage gefördert und überdies nachgewiesen, daß gleich den Technismen auch die Organismen ausnahmslos den Gesetzen der unbelebten Natur unterstehen. Dies veranlaßte den Physiologen F. Kahn ein Wandbild zu entwerfen, welches das Innere des Menschen alsIndustriepalast aufzeigt. Dieser lehrreiche Versuch einer technischen Darstellung des Stoffwechsels versinnlicht den Mecha­nismus der Atmung und des Blutkreislaufes, sowie den Chemismus der Ernährung durch entsprechend in das Bild des Menschenkörpers eingezeichnete Maschinen und Apparate und veranschaulicht somit die wesentliche Übereinstimmung des Stoffwechsels bei Organismen und bei Technismen. Denn auch die Wärmekraft­maschinen werden mit Kohle oder Treiböl gespeist und scheiden Abgase und Schlacken ab; überdies atmen diese Wärmemotoren gleichfalls Luftsauerstoff ein und Kohlensäure aus. Ferner besorgen beim biologischen Stoffwechsel, insbeson­dere bei der Verdauung, gewisse Fermente und Enzyme das Aufspalten der Nähr­stoffe, ohne dabei selbst verbraucht zu werden. Auch in der chemischen Groß­industrie findet namentlich bei der Gewinnung von Schwefelsäure, Kalkstickstoff, Ammoniak und Salpetersäure, sowie bei der Fetthärtung, Kohlehydrierung u. s. f. die katalytische Aufschließung zur Auslösung und Lenkung chemischer Prozesse in steigendem Maße Anwendung, wobei die Katalysatoren, meist Metalle oder Metalloxyde, während ihres Wirkens gleichfalls selbst unverändert bleiben. Die Übereinstimmung zwischen der biologischen Fermentation und der technischen Katalyse hat sich nun nach Warburg als so weitgehend herausgestellt, daß man

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