Aufsatz 
Vom Lebenssinn der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen

4

L. Erhard *

für die verschiedenen organischen Fermente und Enzyme, wie Hefepilze, Pepsine u. v. a. den SammelnamenBiokatalysatoren prägte; umgekehrt könnte man daher auch bei der technischen Katalyse die anorganischen Katalysatoren alsTechno­biotische Fermente bezeichnen.

Vom rein physikalischen und chemischen Gesichtspunkt aus sind überdies Menschen und Tiere als vollgültige Kraft- und Arbeitsmaschinen anzusehen. Einen lehrreichen Einblick in solche Anschauungen der Biotechnik bietet das Werk von C. Oppenheimer:Der Mensch als Kraftmaschine. Dieser Physiologe weist nach, daß nach Abzug des für den ruhenden Körper nötigen Energieaufwandes der technische Wirkungsgrad beim Bergsteigen auf 30 bis 32 v. H. anzusetzen ist. Man darf somit den menschlichen Organismus, obw T ohl er wegen seines geringen Wärme­gefälles nicht als bloße kalorische Maschine aufzufassen ist, in die Klasse der besten Wärmekraftmotoren einreihen, die gleichfalls einen ähnlichen Wirkungsgrad auf­weisen. Auf dem Gebiete des Stoffwechsels bestehen also zwischen Organismen und Technismen erfahrungsgemäß nachweisbare Gleichheiten.

3. Formw r andlungen. Die Biologie unterscheidet hinsichtlich des Form­wandels zweierlei Wissenszweige, nämlich dieOntogenie, welche die Gestaltung der Einzelwesen vom Keime bis zu ihrer Vollendung darlegt, und diePhylogenie, welche die Stammfolge ganzer Geschlechterreihen auf zeigt.

Innerhalb der Ontogenie klafft nun zwischen dem biologischen und dem technischen Formw r andel eine unüberschreitbare Kluft, die an und für sich schon durch den Mangel an Wachstums- und Fortpflanzungsfähigkeit der einzelnen Technismen bedingt ist. Die kunstreichen Nachahmungen beweglicher Lebe­wesen, wie die Androiden und Automaten eines Vaucanson oder Kempelen, können diese Kluft ebensowenig überbrücken wie die später erzeugten automatischen Werkzeugmaschinen oder Verkaufs Vorrichtungen, die zwar menschliche Fähig­keiten ersetzen, aber ihre eigene Form nicht umwandeln können. Selbst wenn die neueste Erfindung auf diesem pseudobiologischen Gebiet, der automatische Pilot, das Flugzeug bei unsichtigem Wetter zuverlässiger steuert als der geschulte lebende Pilot, so kommen doch sämtliche Automaten und Roboter dem onto- genetischen Formwandel keinen Schritt näher: denn alle Technismen sind und bleiben Geschöpfe ohne eigene Schöpferkraft und sie vermögen nirgends zum wirklich Lebendigen vorzudringen.

Da gemäß den obigen Darlegungen bei der Frage des gemeinsamen Verhaltens der Technismen und der Organismen hinsichtlich ihres Form wandeis alle onto- genetischen Werdegänge von Einzelgebilden von vornherein ausscheiden, so können zu den bezüglichen Vergleichen lediglich phylogenetische Entwicklungsreihen, wie folgt, herangezogen werden.

Der organische Aufstieg von den niederen zu den höheren Lebewesen durch- maß unvorstellbare kosmische Zeiträume; dagegen wuchs die technische Ent­wicklung erst in den letzten Jahrhunderten lawinenartig an. Hierbei bewirkte der wirtschaftliche Wettbewerb die Auslese der lebensfähigsten technischen Schöp­fungen genau so, wie die aussiebende Selektion bei den Lebewesen; auch das plötz­liche und unvermutete Auftreten bahnbrechender Erfindungen, die Goethe als reine Kinder Gottes bezeichnet, stimmt mit den ebenso unerklärlichen Mutationen