Vom Lebenssinn der Technik.
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im Tier- und Pflanzenreich überein. Sohin steht auch der technogenetische Formwandel in seiner Vielfalt mit dem stammesgeschichtlichen Formwandel der organischen Welt durchaus in Einklang. — Hinsichtlich dieses stammesgeschichtlichen Werdeganges der Technik obliegt es der Technikgeschichte, jenes innere Band aufzuzeigen, das die gesamte technische Entwicklung durchzieht. Aufschlußreiche Beispiele solcher technischen Reihen sind im 1. Heft der „Blätter für Geschichte der Technik“ auf S. 14—21 enthalten; sie zeigen die stufenweise Entwicklung und Leistungssteigerung vom Pfahlbau zum Hochhaus, vom Handhammer zur Schmiedepresse, von der Tretscheibe zur Dampfturbine, von der Sänfte zum Kraftwagen, vom Einbaum zum Schraubendampfer u. s. f. Diese Reihen weisen deutlich auf die einsinnige Richtung und die Zeitgebundenheit der technischen Entwicklung hin, welche allenthalben von der ursprünglichen Benützung organischer Gebilde über entsprechende Zwischenformen schließlich zur Beherrschung anorganischer Werkstoffe und Energien geführt hat. Hieraus ergibt sich, wie gleichen- orts auf S. 10 näher dargelegt ist, nachstehender
Technogenetischer Leitsatz:
„Die technische Entwicklung beruht auf dem menschlichen Erfindungsver- mögen und bildet eine zielbewußte außerkörperliche Fortsetzung der unbewußten biologischen Entwicklung, wobei der Weg des Geistes die Menschheit aus der Abhängigkeit von den organischen Kräften und Gebilden stufenweise zur Beherrschung anorganischer Werkstoffe und Naturenergien unter steter Leistungssteigerung emporführt und dadurch eine Brücke zwischen Naturerkennen und Wirtschaftszwecken schlägt.“
Die Technik ist demnach eine Lebensäußerung, wogegen das Leben selbst keineswegs ausschließlich durch physikalische und chemische Vorgänge bedingt ist, denn trotz der oben dargelegten weitgehenden Übereinstimmung des tektonischen Aufbaues, des chemischen Stoffwechsels und des phylogenetischen Form- wandels der technischen Werke mit den Schöpfungen der belebten Natur besteht dennoch zwischen den Technismen und den Organismen eine bisher unübersteigbare Scheidewand, die zutiefst auf dem Gegensatz zwischen der Umkehrbarkeit der technischen Prozesse und der Nichtumkehrbarkeit des Lebens beruht. Die Biologie lehrt die einsinnige Richtung der Lebensvorgänge; denn der „Pfeil der Zeit“ kennt keine Umkehr und kein Zurück. — Der Physiologe R. Ehrenberg baut seine theoretische Lebenskunde 1 geradezu auf dieser Nichtumkehrbarkeit des elementaren Lebensvorganges auf und er leitet sein tiefgründiges Lehrgebäude der Biologie hauptsächlich von dieser „Irreversibilität“ ab. Gemäß seiner Lehre gibt es überhaupt kein stationäres Leben, sondern nur einen Lebensablauf, wobei dem physiologischen Tod etwa dieselbe Stelle in der Biologie anzuweisen wäre, wie dem absoluten Nullpunkt in der Thermodynamik.
Erschaut also der Biologe rings in der belebten Natur stets nur einsinnig gerichtetes, zeitgebundenes Werden und Vergehen, so erscheint dagegen im Gesichtsfeld des Technikers innerhalb der unbelebten Natur eine Fülle um-
R. Ehrenberg, Theoretische Biologie, Berlin 1923.