Aufsatz 
Vom Lebenssinn der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
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Vom Lebenssinn der Technik.

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im Tier- und Pflanzenreich überein. Sohin steht auch der technogenetische Form­wandel in seiner Vielfalt mit dem stammesgeschichtlichen Formwandel der or­ganischen Welt durchaus in Einklang. Hinsichtlich dieses stammesgeschicht­lichen Werdeganges der Technik obliegt es der Technikgeschichte, jenes innere Band aufzuzeigen, das die gesamte technische Entwicklung durchzieht. Aufschluß­reiche Beispiele solcher technischen Reihen sind im 1. Heft derBlätter für Ge­schichte der Technik auf S. 1421 enthalten; sie zeigen die stufenweise Ent­wicklung und Leistungssteigerung vom Pfahlbau zum Hochhaus, vom Handhammer zur Schmiedepresse, von der Tretscheibe zur Dampfturbine, von der Sänfte zum Kraftwagen, vom Einbaum zum Schraubendampfer u. s. f. Diese Reihen weisen deutlich auf die einsinnige Richtung und die Zeitgebundenheit der technischen Entwicklung hin, welche allenthalben von der ursprünglichen Benützung organischer Gebilde über entsprechende Zwischenformen schließlich zur Beherrschung an­organischer Werkstoffe und Energien geführt hat. Hieraus ergibt sich, wie gleichen- orts auf S. 10 näher dargelegt ist, nachstehender

Technogenetischer Leitsatz:

Die technische Entwicklung beruht auf dem menschlichen Erfindungsver- mögen und bildet eine zielbewußte außerkörperliche Fortsetzung der unbewußten biologischen Entwicklung, wobei der Weg des Geistes die Menschheit aus der Ab­hängigkeit von den organischen Kräften und Gebilden stufenweise zur Beherrschung anorganischer Werkstoffe und Naturenergien unter steter Leistungssteigerung emporführt und dadurch eine Brücke zwischen Naturerkennen und Wirtschafts­zwecken schlägt.

Die Technik ist demnach eine Lebensäußerung, wogegen das Leben selbst keineswegs ausschließlich durch physikalische und chemische Vorgänge bedingt ist, denn trotz der oben dargelegten weitgehenden Übereinstimmung des tekto­nischen Aufbaues, des chemischen Stoffwechsels und des phylogenetischen Form- wandels der technischen Werke mit den Schöpfungen der belebten Natur besteht dennoch zwischen den Technismen und den Organismen eine bisher unübersteigbare Scheidewand, die zutiefst auf dem Gegensatz zwischen der Umkehrbarkeit der tech­nischen Prozesse und der Nichtumkehrbarkeit des Lebens beruht. Die Biologie lehrt die einsinnige Richtung der Lebensvorgänge; denn derPfeil der Zeit kennt keine Umkehr und kein Zurück. Der Physiologe R. Ehrenberg baut seine theoretische Lebenskunde 1 geradezu auf dieser Nichtumkehrbarkeit des elementaren Lebens­vorganges auf und er leitet sein tiefgründiges Lehrgebäude der Biologie haupt­sächlich von dieserIrreversibilität ab. Gemäß seiner Lehre gibt es überhaupt kein stationäres Leben, sondern nur einen Lebensablauf, wobei dem physiologischen Tod etwa dieselbe Stelle in der Biologie anzuweisen wäre, wie dem absoluten Nullpunkt in der Thermodynamik.

Erschaut also der Biologe rings in der belebten Natur stets nur einsinnig gerichtetes, zeitgebundenes Werden und Vergehen, so erscheint dagegen im Gesichtsfeld des Technikers innerhalb der unbelebten Natur eine Fülle um-

R. Ehrenberg, Theoretische Biologie, Berlin 1923.