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L. Erhard
kehrbarer und zeitloser energetischer Kreisprozesse, und so zielt auch der Wunsch des Technikers auf die Schaffung idealer Maschinen mit 100% Wirkungsgrad hin. Eine solche ideale Maschine würde die gesamte ihr zugeführte Energiemenge restlos in eine gleichwertige andere Energieform umwandeln. So vermöchte zum Beispiel eine ideale Dynamomaschine eine in sie eingeleitete mechanische Arbeit von 10 PS in einen elektrischen Strom von 735 Watt umzusetzen, der seinerseits wiederum einen 10-PS-Elektromotor treiben könnte. — Oder es sollten etwa einer idealen Wasserturbine 10 Sekundenliter Druckwasser bei 100 m Gefälls- höhe zugeführt werden; eine mit dieser Turbine gekoppelte ideale Kreiselpumpe würde sodann umgekehrt die gleiche Arbeit leisten, also beispielsweise 50 Sekundenliter Wasser 20 m hoch heben. — Bei den idealen Maschinen könnten de m nach die Energieumwandlungen sowohl in der einen wie auch in der entgegengesetzten Richtung erfolgen, und überdies verliefen diese Vorgänge völlig unabhängig von ihrer Stellung innerhalb der Zeit. Die Leistungen der idealen Maschine wären daher kraft der Erhaltung der Energie vollständig umkehrbar und zeitlos. Manche wirklich ausgeführten Maschinen nähern sich tatsächlich diesem Idealzustand in hohem Grade, ohne ihn jedoch völlig zu erreichen.
Die Erfahrung aber, daß es auch in der Technik keine durchaus restlose Energieumwandlung gibt, leitet auf das Entropiegesetz hin. Der deutsche Physiker R. Clausius (1822—1888) nannte den Quotienten aus einer Wärmemenge geteilt durch die ihr zugehörige absolute Temperatur die „Entropie“, und er erkannte, daß dieser Quotient einem Maximum zustrebt, d. h. die Entropie kann bei allen technischen Energieumwandlungen nur anwachsen, aber niemals abnehmen. Das Überraschende und Befremdende dieses Satzes liegt nun darin, daß hier zum erstenmal für eine reine Naturenergie, die Wärmekraft, geradeso wie bei den Lebewesen, eine einsinnige Richtung mit mathematischer Sicherheit festgestellt wurde. Der englische Physiker W. Thomson, nachmals Lord Kelvin (1824—1907), zog daraus sogar den aufsehenerregenden Schluß, daß die Welt infolge der Energiezerstreuung dereinst den „Wärmetod“ sterben werde. Nach den neuesten astro- physikalischen Forschungen von W. Nernst vermögen jedoch die der Entropie entgegen wirkenden kosmischen Strahlungsenergien das Weltall vor dem Wärmetod zu bewahren.
Wenn nun auch der findige Menschengeist trotz der unaufhaltsamen Energiezerstreuung anorganische Werkstoffe und Naturenergien vielfach zu meistern versteht und wenn auch die technischen Gebilde, hinsichtlich ihres tektonischen Aufbaus, ihres chemischen Stoffwechsels und ihres stammesgeschichtlichen Formwandels mit den Schöpfungen der belebten Natur unverkennbar übereinstimmen, so vermochte die gestaltende Technik bisher doch keineswegs ein wirkliches Lebewesen, und sei es bloß eine ureinfache Amöbe, aus rein anorganischen Stoffen hervorzubringen.
Keimende und wirkende Technik.
Die Technik ist keineswegs eine unabhängige und für sich allein bestehende Erscheinung, sie muß vielmehr dem technogenetischen Leitsatz gemäß in die Ganzheit des Kulturgeschehens eingebaut werden. Aus der Doppeleigenschaft der