Vom Lebenssinn der Technik.
Technik als Frucht des Naturerkennens einerseits und als Triebfeder des Wirtschaftslebens anderseits ergeben sich in soziologischer Hinsicht zwei voneinander verschiedene Teilbegriffe der Technik, nämlich die potentielle und die aktive Technik. Potentiell oder sozial gebunden bleibt eine technische Erfindung oder Verbesserung so lange, als sie im Kopfe ihres Schöpfers keimt oder von ihm nur im Stillen ausgeführt und erprobt wird; aktiv oder unmittelbar sozial wirkt eine technische Neuerung erst dann, wenn sie ins Wirtschaftsleben hinaustritt, dort ihre volle Wirksamkeit entfaltet und weitere Tätigkeitsgebiete erschließt. Auch bei Pflanzen und Tieren zeigt sich der gleiche Vorgang;- die Keimlinge sprießen
ESSIG FLIEGEN IN 240 cm'
ZAHL
ZEIT: O
Abb. 1. Vermehrung von Essigfliegen in einer Vierfelliterflasche.
ESSIGFUEGEN IN 480 cm
ZAHL
wpp
ZEIT: 0
Abb. 2. Vermehrung von Essigfliegen in einer Halbliterflasche.
aus dem dunklen Erden- oder Mutterschoß hervor, drängen zum Licht und lebensreif vollenden sie ihr Dasein.
Merkwürdigerweise hat nun der englische Maler und Satyriker William Hogarth (1697—1764) in seinem berühmten Selbstbildnis eine zweiseitig gekrümmte Serpentine auf einer Palette zur Schau gestellt und 1753 ein seltsames und viel umstrittenes Buch, ,,Die Analyse der Schönheit“, herausgegeben. Sein Ziel war, die geheimnisvolle Serpentine als Grundlage künstlerischer Formgebung zu empfehlen, denn diese S-Linie ist nach Hogarths Meinung ein Sinnbild des Höchsten, des Lebens. — Aller Mystik entkleidet, stellen diese Serpentinen nichts anderes als Wachstumskurven aus dem Gebiet der Biologie und der Technik dar. Derartige S-Linien bieten tatsächlich einen Einblick in das Heranwachsen einzelner Lebewesen und ganzer Geschlechterreihen; überdies führen sie auch den Werdegang von der keimenden zur wirkenden Technik sinnfällig vor Augen. — Diese zweiseitig gekrümmten Kurven entstehen dadurch, daß man in einem Koordinatensystem auf der Grundachse die Zeitabschnitte und in der Höhenrichtung die zugehörigen Wachstumsgrößen aufträgt. Die S-Linien steigen anfangs langsam, dann immer steiler bis zu einem Wendepunkt an; nach dem Überschreiten des Wendepunktes