Aufsatz 
Viktor Kaplan / von Alfred Lechner
Entstehung
Seite
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Viktor Kaplan.

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Schon das Ausfindigmachen der Räume und ihr Erlangen allein können als Beweis dafür dienen, daß Kaplan von seiner Idee, im Wasserturbinenbau etwas Großes zu schaffen, voll und ganz besessen war.

Nun kamen die technischen Schätzungen, Überlegungen, wie klein kann die Anlage sein, damit sie noch brauchbare Meßwerte ergeben kann, wie niedrig das Gefälle, wie soll so ein Maschinchen gebremst, wie Gefälle und Wassermenge gemessen werden und dergleichen mehr. Ich weiß nicht, wie lange der damals ganz jung ver­heiratete Forscher über jedes dieser Probleme nachdachte, wieweit seine junge Frau darunter zu leiden hatte; mir schien es aber, daß er die Dimensionen seines Laboratoriums, die, wie sich später zeigte, brauchbar waren, mit schlafwandlerischer Sicherheit getroffen hat.

Nun der Bau des Francislaufrades von 185 mm Durchmesser. Das sollte nicht nur richtig in den Formen und Abmessungen sein, sondern mußte bei geringen Anschaffungskosten auch halten. Die Herstellung der kleinen Gesenke für die Schaufeln, die Verbindungen der Schaufeln zum Rade, die Festigkeitsproben und viele andere Probleme, die auftauchten und immer wieder gelöst werden mußten, beanspruchten das Genie in jeder Weise.

Kaplan machte außerdem noch Vorversuche. Jeder Wasserauslaß, auch die Badewanne, während er sie benutzte, waren ihm Laboratorium. Bei diesen Ge­legenheiten schuf er seinen dem Clement THENARDschen Phänomen entsprechen­den Krümmer. Nun hieß es noch Glassaugrohre, Pumpen und Gefäße zu beschaffen, und als all dies richtig zusammengebaut worden war, war die Generalprobe.

Die Pumpen sangen, die Wasserleitung rauschte, das Oberwasserreservoir war vollgelaufen und nun hieß es: Wasser zur Turbine!

Kaplan stand am Hebel, um den Kegel des Ablasses zu heben, es ging nicht, wie er auch zog und drückte. Als ich zu Hilfe gerufen wurde, ging es zu viel, bald schwamm der ganze Keller, ich stand bis zu den Knöcheln im Wasser, während er unbekümmert auf das Oberwasserreservoir geklettert war und gebannt das Drehen der Turbine und das Strömen des zu- und ablaufenden Wassers verfolgte....

Im Jahre 1910 erschien in den Mitteilungen des Deutschen Ingenieur-Vereines in Mähren eine Arbeit Kaplans:Über den gegenwärtigen Stand der Theorie und Praxis des Wasserturbinenbaues, und im Jahre 1911 eine ähnliche Arbeit, betitelt: Die Entwicklung der Theorie und des Baues der Wasserkraftmaschinen im Mühlen- und Speicherbau (S. 205). Über den Inhalt dieser Arbeiten sei hier mit Rücksicht auf die spätere Würdigung der Kaplanturbine einiges berichtet, sagt doch Kaplan in der letztgenannten Arbeit wörtlich:Es erscheint daher zweck­mäßig, den gegenwärtigen Stand der Wasserkraftausnutzung zu beleuchten und durch einen kurzen Rückblick auf die bisherigen Erfolge die vermutliche Weiter­entwicklung dieses mächtig aufstrebenden Industriezweiges zu entwerfen. Schon aus diesem Grunde sind jene Arbeiten interessant. Kaplan geht von der Betrachtung des Wasserrades aus, dem er vollkommen gerecht wird. Trotz aller Wasserturbinen wird das bescheidene Wasserrad wegen seiner Billigkeit erhalten bleiben. Aber größere Energiemengen können praktisch wegen der damit ver­bundenen Abnahme der Drehzahlen nicht gewonnen werden. Der Antrieb der neuzeitlichen Arbeitsmaschinen erfordert jedoch hohe Drehzahlen, was beim Wasser-