Viktor Kaplan.
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elementare Erklärung, welcher sich Kaplan seinerzeit selbst bedient hatte. In Abb. 28 sind einige der abenteuerlich erscheinenden Formen der Saugrohrkrümmer wiedergegeben.
Auf den ersten Blick ‘erkennt man, daß bei dieser Turbine die elementare hydromechanische Theorie (Stromfadentheorie) nicht mehr ausreichen kann. Kaplan hat daher mehrdimensionale Betrachtungen angestellt, die im Buche „Theorie und Bau von Turbinenschnelläufern“ zum Teil in moderner Form wiedergegeben sind. Die Existenz solcher dreidimensionaler Betrachtungen wurde zuweilen mit Unrecht in Zweifel gezogen. Man beachte, daß theoretische Überlegungen in zweifacher Weise getroffen werden können. Es gibt qualitative und quantitative Theorien. Erstere beschränken sich auf eine bloße Begründung des Zusammenhanges der Erscheinungen, letztere suchen den Zusammenhang auch zahlenmäßig festzustellen. Daß Kaplan beide Arten von Überlegungen angewendet hat, bezeugen schon seine bisherigen Veröffentlichungen und die große Zahl seiner Versuchsreihen, wobei man beachten möge, daß jeder Versuch planmäßig ausgeführt wurde, d. h. daß stets eine theoretische Überlegung vorangegangen ist. Gibt doch der ausgeführte Versuch immer nur Antwort auf eine an die Natur gestellte Frage. — Die im Anhang S. 70 wiedergegebene Zusammenstellung der Patente Professor Kaplans 1 möge zeigen, welche Fülle von Gedankenarbeit Kaplan geleistet hat.
Aus der Formel für die spezifische Drehzahl
n s
n \f jy
n\fE
wo N die effektive Leistung der Turbine, H die Gefällshöhe, n die Umdrehungszahl in der Minute bedeuten, ergibt sich auch die Wichtigkeit der schnellaufenden Turbine für niedere Gefällshöhen (kleine H). Durch die Kaplanturbine können die Energiemengen der großen Ströme bei geringem Gefälle der wirtschaftlichen Verwertung zugeführt werden. Darin ist auch ihre große wirtschaftliche Bedeutung gelegen (vgl. S. 48ff.).
Aber die Kaplanturbine hat nicht nur einen hervorragenden wirtschaftlichen Wert, sie ist auch für den weiteren Ausbau der Hydrodynamik fördernd gewesen. Eine schier unabsehbare Literatur über die Strömung durch ruhende und bewegte Schaufelgitter ist entstanden, der eine ganz stattliche Zahl von „Theorien“ über die Kaplanturbine zur Seite gestellt werden kann. Und dazu hat die tatenreiche Arbeit eines Mannes Veranlassung gegeben. Heute ist es nicht schwer, mit Hilfe der ausgebauten Hydromechanik sich von der Richtigkeit der in den Patentschriften und sonstigen Veröffentlichung seinerzeit bekanntgegebenen Gedankengänge Kaplans zu überzeugen.
Wie die Schaufeln der Kaplanturbine sich harmonisch in die Hydromechanik einfügen lassen, sei hier an einigen Beispielen gezeigt. — Im Jahre 1848 hatte der Professor der Berliner Universität Magnus jene Ablenkung rotierender Geschosse aus ihrer Bahn zu erklären versucht, für welche die Kreiseltheorie keine Erklärung
1 Diese Zusammenstellung hat Herr Ing. J. Slavik freundliehst zur Verfügung gestellt, wofür ihm an dieser Stelle der Dank ausgesprochen sei.