Alte Brücken und Mühlen in Tirol.
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Rades bewirken. Indem sie so in Kasten das Wasser schöpfen und zum Scheitelpunkt des Rades heben, leisten sie ohne Tretarbeit der Taglöhner, vielmehr durch die Wirkung des Wassers selbst das, was nötig ist. Auf dieselbe Weise bewegen sich auch die Wassermühlen, die ebenso konstruiert sind, nur daß sie auf derselben Welle noch ein Zahnrad tragen. Nächst diesem befindet sich ein zweites, ebenfalls gezahntes Rad in horizontaler Lage, dessen Spindel oder Welle am Kopfe ein schwalbenschwanzförmiges Eisen trägt, woran der Mühlstein befestigt ist.“ 11
Die Annahme eines engen entwicklungsgeschichtlichen und konstruktiven Zusammenhanges zwischen Schöpfrädern und Mühlen kann kaum besser gestützt werden als es durch diese eindeutige Stelle bei Vitruv geschieht. Zugleich geht aus ihr hervor, daß die römischen Wassermühlen unterschlächtige Räder hatten, was übrigens auch von der Überlieferung bestätigt wird, derzufolge Be- lisar bei der Belagerung Roms durch die Ostgoten (536 n. Chr.), als die in die Stadt führenden Wasserleitungen zerstört und die von ihnen getriebenen Mühlen zum Stillstand gekommen waren, diese auf im Tiber verankerte Schiffe habe bringen lassen und damit zum Erfinder der Schiffsmühle geworden sei.
Als Urheimat der Schöpfräder dürfen wohl die Hochkulturen Vorderasiens angesehen werden, von wo aus sich ihre Kenntnis und Anwendung über ein ungeheures Verbreitungsgebiet, das von Marokko bis China und von Bosnien bis Hinterindien reicht, 12 ausgedehnt hat. Die schon im Ursprung der italischen Völkerschaften begründete und durch alle Jahrtausende der Geschichte immer wieder geknüpfte Verbundenheit Italiens mit dem Orient läßt das Vorkommen der Schöpfräder in Rom nicht als verwunderlich erscheinen, ebensowenig, daß sich dort ihre Anwendung fast bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Ihr massenhaftes Vorkommen an der Etsch im Veronesischen wird u. a. von keinem Geringeren als Goethe bezeugt, der unterm 14. September 1786 in den Tagebüchern seiner „Italienischen Reise“ schreibt: ,,.... unten am Fluß sind Schöpf räder angebracht, um die in der Tiefe liegenden Pflanzungen zu bewässern.“ 13
Es ist nun recht bemerkenswert, daß sich — offenbar als Ausläufer dieses Veronesischen Verbreitungsgebietes — solche Schöpfräder auch in Südtirol noch vorfinden. Eine Gruppe stand, von der Bahn aus gut sichtbar, am rechten Eisackufer bei Kardaun, knapp vor Bozen. So viel mir bekannt ist, ist heute nur noch ein einziges in Betrieb, doch sieht man noch gut die gemauerten Sockel für das flußseitige
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Abb. 1 0. Gotische Wölbbrücke in Grins bei Landeck mit noch erhaltenem Lehrgerüst.