Volkstechnik.
Von
Hofrat Dr.-Ing. L. Erhard, Wien.
In der heutigen Welt der Arbeitsteilung liegen drei stammverwandte Zweige der Volkskunde weit auseinander: das Volkslied, die Volkskunst und die Volkstechnik. Obwohl diese drei Kulturgebiete überall gleichheitlich aus Blut und Boden hervorgegangen sind, so erfuhren sie im Wissenschaftsbetrieb dennoch eine stark unterschiedliche Wertung und Behandlung. Während nämlich das deutsche Volkslied schon seit hundertfünfzig Jahren von den Literaturkundigen eifrig gehegt und gepflegt wird, erfreut sich die deutsche Volkskunst erst seit wenigen Jahren der besonderen F ürsorge der Kunsthistoriker; die deutsche Volkstechnik bildet aber dagegen auch heute noch ein fast unbekanntes und unerforschtes Gebiet, an dem manche Techniker und Historiker achtlos vorübergehen. Möge die folgende Vergleichung von Volkslied, Volkskunst und Volkstechnik einiges zur Klärung und Lösung dieses Sachverhaltes beitragen.
Die zu Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende Sturm- und Drangperiode der deutschen Dichtung wandte sich mit Feuereifer dem Volkslied zu. Namentlich J. G. Herder (1744—1803) veröffentlichte in seinen „Stimmen der Völker“ solche Lieder verschiedener Nationen als wertvolle Welt- und Völkergaben. — Der namhafte Wirtschaftshistoriker Karl Bücher erblickt den Ursprung der Poesie und Musik in der rhythmischen Körperbewegung und weist an Hunderten von Arbeitsgesängen aller Zeiten und Völker überzeugend nach, daß Volkslied und Volksarbeit von Anfang an auf das innigste verbunden waren. 1
Die erste umfassendere Sammlung deutscher Volkslieder, „Des Knaben Wunderhorn“, veranstalteten Klemens Brentano und Achim von Armin im Jahre 1806. Die Mehrzahl dieser Lieder ist durch mündliche Verbreitung und tausendfache Wiederholung so tief in das Volksleben eingedrungen, daß sie nunmehr zum Kulturgut ganzer Gaue gehören, wie in der Ostmark zum Beispiel das „Andreas Hofer- Lied“ der Tiroler oder ein Lied aus der engeren Heimat des Führers „Der Innviertler Heimatsang“, dessen erste und dessen letzte Strophe in der Urschrift lauten:
£faimatlanb, iiatmatlanb! £fan bt fo gern IDte ra Kinberl fei ZlTuebar IDte ra Bunberl fein Fferrn.
Dafyaim is bafyaim!
IDannft not furt muejgt, fo bleib, Denn bTfaimat is efynta 2 Da jmait Bluebaleib.
1 Karl Bücher, „Arbeit und Rhythmus“. Leipzig 1924.
2 ohnehin.
Geschichte der Technik, 6. Heft.
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