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1939: Sechstes Heft
Entstehung
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L. Erhard

Einzelne Volkslieder, die von bekannten Dichtern herrühren, haben sich von ihren Urhebern so völlig losgelöst, daß man ihre Verfasser nicht mehr zu nennen weiß. Wenn deutsche Soldaten am Grabe eines Gefallenen das LiedIch hatt einen Kameraden anstimmen, so denkt wohl keiner mehr daran, daß uns einst Ludwig Uhlan d 1809 dieses ergreifende Abschiedslied geschenkt hat. Das echte deutsche Volkslied ist unmittelbar aus der Tiefe des Volksbewußtseins geschöpft, es ver­schmäht jegliche Künstelei und verleiht dem deutschen Gemüt den schlichtesten und daher innigsten Ausdruck.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der Herkunft und Bedeutung der deut­schen Volkskunst, deren Fortbestand wir hauptsächlich dem zähen Festhalten der Landleute am völkischen Erbe verdanken. Manches alte ostmärkische Bauernhaus deutet schon durch Anlage und Wahrzeichen auf seine ursprüngliche alemanische, bajuvarische oder fränkische Abkunft hin, und auch die Geräte für Haushalt und Wirtschaft, Töpferei, Holz- und Metallarbeiten, Volkstrachten und Textilien, Schmucksachen, Masken und religiöse Darstellungen tragen stark nationale und stammesgeschichtliche Merkmale. Die Formen- und Farbengebung dieser alten Volks­kunstwerke ist durchwegs klar, gemeinverständlich und oft von so hoher Schönheit, daß sie vielfach dem neu erwachten Kunstgewerbe als Muster und Vorbild zu volkstüm­lichen Schöpfungen dienen können. Viele Werke der ostmärkischen Volkskunst blieben durch den Sammeleifer berufener Kunsthistoriker vor dem drohenden Untergang be­wahrt und haben nunmehr in den Volkskunde- und Heimatmuseen in Wien, Linz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt und auch in kleineren Orten, wie Eggenburg, Eisenerz, Hall i. T., Hallstatt, Steyr usw., sachdienliche Sammel- und Pflegestätten gefunden.

Durchwandert man diese anregenden und lebensvollen Museen aufmerksam, so fällt einem hier und da ein altes Werkzeug, eine technische Vorrichtung oder ein sonstiger Arbeitsbehelf ins Auge. Bei näherer Betrachtung zeigt es sich aber, daß solche Gegenstände fast niemals um ihrer technischen Bedeutung willen, sondern hauptsächlich wegen jener Ornamente und Zierate, mit denen die alten Handwerks­meister ihre Geräte auszustatten pflegten, in die Sammlungen aufgenommen worden sind. An schön geschmückten Maßstäben, reich geschnitzten Hobeln und Messern, Schlagbrettern mit Kerbschnittarbeiten, verzierten Spinnrädern u. dgl. ist hier kein Mangel, aber Verbesserungen oder Erfindungen, die seinerzeit einen bahnbrechenden technischen Fortschritt bewirkt haben, oder auch nur die Abbildungen oder Be­schreibungen solcher technischen Neuerungen wird man mit wenigen Ausnahmen vergebens in diesen Heimatmuseen suchen.

Und doch besteht die Volkstechnik wirklich und wesenhaft und sie ist ebenso von alters her, wie die Volkskunst, der heimischen Muttererde entsprossen. Namentlich die Alpenländer bedurften der Volkstechnik im hohen Maße, um das rauhe Land überhaupt erst bewohnbar und wegsam zu machen, und gerade die schwerst zugängigen Alpentäler bergen auch heute noch die meisten fortlebenden Zeugen uralter Technik. Diese alpenländische Volkstechnik ist dadurch entstanden, daß arbeitsame und technisch begabte deutsche Volksstämme in das Bergland ein­gedrungen sind, dort ansässig wurden und dann aus den Werkstoffen, die der Boden selbst darbot, ihre technischen Gebilde erzeugten. Der Bergsegen des Landes Eisen in der Steiermark, Kupfer und Silber in Tirol, Gold in den Tauern, Salz in den