Heft 
1939: Sechstes Heft
Entstehung
Seite
3
Einzelbild herunterladen

Volkstechnik.

3

Nordalpen führte schon im Mittelalter zu einer Blüte des Bergbaues und die Mark­scheiderei nahm von hier aus ihren Ausgang. Zahlreich sind in den Alpenländern die Denkmäler alter deutscher Volkstechnik. Manches Stück, dem eine grundlegende technikgeschichtliche Bedeutung zukommt, konnte noch rechtzeitig gerettet und dem großangelegten Technischen Museum zu Wien, das den Entwicklungsgang der Technik vor Augen führt, als wertvolles Glied ein verleibt werden. So z. B. eine Sensenschmiede aus der Eisenwurzen, ein Frischfeuer aus Steiermark, eine Stein­bierbrauerei aus Kärnten, eine Mühle aus dem Stifte Admont u. dgl. Viele Werke der Volkstechnik sind aber so umfangreich oder ihrem Standort so untrennbar verhaftet, daß sie nicht in ein Museum übergeführt werden können. Dem Forschungsinstitut für Geschichte der Technik 1 erwächst hierdurch die Aufgabe, solche ortsgebundenen Denkmäler der Volkstechnik wenigstens genau aufzunehmen und sie in denBlättern für Geschichte der Technik (BfTG) abzubilden und zu erläutern. Aus der Fülle derartiger Werke sei hier zusammenfassend nur auf einige Beispiele der alpen­ländischen Volkstechnik hingewiesen, die schon früher in denBlättern für Ge­schichte der Technik dargestellt w'orden sind:

So ist es echte Volkstechnik, wenn der einfache Sclrwemmeister Georg Hueb- mer aus Naßwald 2 anfangs des 19. Jahrhunderts den Plan faßte, die unzugängigen, durch hohe Berge abgeriegelten Waldungen im Schneealpengebiet für die dringend notwendige Brennholzversorgung von Wien zu erschließen. Zu diesem Zweck durch­schlug Huebmer ohne wissenschaftliche Kenntnisse, nur gestützt auf seine eigene Erfindungsgabe und die geschickte Arbeit seiner Holzknechte, eine 1334 m hohe Wasserscheide, das Gippel-Gscheid, mittels eines 430 m langen Schwemmstollens und verband dadurch den holzreichen Neuwald in den Quelltälern der Mürz mit der Trift im Schwarzatal und dem nach Wien führenden Wiener Neustädter Kanal.

Eine Großtat der Volkstechnik war es auch, als der Salinenmeister Josef Spielpichler 1757 eine Soleleitung mit natürlichem Gefälle von Hallstatt nach Ebensee anlegte und dabei das Gosautal durch einen Aquädukt mit hölzernen Sprengwerken bis zu 21 m Stützweite zwischen 30 m hohen Steinpfeilern über­querte, wozu ihm die umhegenden Wälder die nötigen Enzbäume 3 lieferten. Der aus Steinen und Hölzern der unmittelbaren Umgebung erbauteGosauzwang 4 steht heute noch im Gebrauch und bildet ein in die Landschaft wohl eingefügtes Denkmal erdverbundener Volkstechnik.

Ein ganzer Kerl war der Bauer und Gewerke Ignaz Ro jacher (* 1844 Rauris, f 1891 Rauris). Ihm ging die Not jener armen Bergleute zu Herzen, die durch das Erlöschen des Goldbergbaues in den Tauern ihr Brot verloren hatten. Ro jacher schuf aus eigener Kraft und Erfindung eine Förderanlage am Goldberg in der Rauris 5

1 Heft 1 derBfTG, Wien 1932, S. 204ff.

2 L. Hatjska,Bedeutende Holzbringungsanlagen in Österreich in:BfTG/l, 1932, S. 138ff.

3 Enzbäume: Nach Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1827, langes und starkes Brückenbauholz, das bei Jochbrücken zur Verwendung kommt.

4 C. Schraml,Der Weg des Salzes von Hallstatt nach Linz in:BfTG/l. W T ien 1932, S. 158ff.

5 K. Holet,Die technischen Denkmäler in Österreich und ihre Verbundenheit mit Volk und Boden in:BfTG/5. Wien 1938, S. 8.

1