Aufsatz 
Alte Brücken und Mühlen in Tirol / von Otto Lanser
Entstehung
Seite
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Alte Brücken und Mühlen in Tirol.

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vermeiden die alten Anlagen jede Übersetzung. Das Wasserrad hat hier nur einen sehr kleinen Durchmesser (etwa 3 / 4 m), es besteht nur aus zwei, in einer gegenseitigen Enfernung von etwa l 1 / 2 m auf den Wellbaum aufgekeilten Scheiben, zwischen die als Schaufeln viele schmale aber lange Brettchen oder Eisenblechstreifen ge­spannt sind; das Rad dreht sich daher sehr rasch, so daß die Rad welle un­mittelbar die Kurbel für das Sägegatter trägt; dagegen sind Rad und Gerinne mög­lichst breit, damit viel Wasser verarbeitet und eine große Leistung erreicht w r erden kann.

Noch anzuführen wäre, daß auf vielen Alpen Wasserräder zum Antreiben der Butterfässer verwendet werden; schließlich sollen als seltsame Wasserkraftanlagen noch die Granatmühlen im Zillertal erwähnt w r erden, die den weichen Glimmerschiefer zerstampfen, in dem die früher als Halbedelsteine sehr geschätzten Zillertaler Granaten eingebettet sind. Vor einigen Jahren stand eine solche halbverfallene Granatmühle noch unweit der Berliner Hütte am Rande des gewaltigen Waxeck- keeses.

Die Volkstechnik beruht auf Erfahrungen, die nicht durch verstandesmäßig­logische Erforschung, sondern durch eine uns heutigen Menschen kaum mehr recht zugängliche Einfühlung und manchmal fast seherische Erfassung der Natur gewonnen wurden. Ihre Schöpfungen haben daher nie etwas Naturfeindliches, sie erscheinen im Gegenteil geradezu als etwas zu ihr Gehöriges, aus ihr Herausgewachsenes. Wie alles organisch Gewachsene, wie Pflanzenarten und Tiergattungen, haben auch die Gebilde der Volkstechnik ein bestimmtes Verbreitungsgebiet, eine bestimmte Zeit und eine volkliche oder seelische Grundlage, aus der sie allein hervorgehen können. Darin eben besteht auch ihr Wert für die Volkskunde, daß aus ihnen, wie aus den Lejtfossilien der Geologie, jeweils auf eine bestimmte Kulturschicht und auf einen bestimmten soziologischen oder volklichen Untergrund geschlossen werden kann.

Die Voraussetzung der modernen Technik hingegen ist die Naturwissenschaft, die Erkenntnis von Art und Größe naturgesetzlicher Abhängigkeiten und Kausal­reihen. Da die Naturgesetze überall die gleichen sind, ist auch das Ergebnis ihrer Erforschung immer dasselbe, gleichgültig, zu welcher Zeit oder von welchem Volke es gewannen wurde. Insofern also unterliegt die moderne Technik jenen seelischen Bindungen nicht.

Ein technisches Gebilde ist aber mehr als ein physikalischer Apparat. Es macht geradezu das Wesen einer technischen im Gegensätze zu einer physikalischen Aufgabe aus, daß sie auch Komponenten enthält, die vom Menschen hineingetragen werden, z. B. etwa den Begriff der Wirtschaftlichkeit, der durchaus psychologischer Art ist und der der rein naturwissenschaftlichen Fragestellung fremd erscheint. Eine tech­nische Aufgabe hat daher fast nie eine einzige Lösung, die mit logisch zwingender Eindeutigkeit gefunden werden kann wie die einer physikalischen Rechnung, sondern sie läßt notwendig eine gewisse Freiheit in der Wahl der Mittel und Formen.

Dieser Freiheitsbereich erlaubt und verlangt nun aber auch innerhalb der mo­dernen Technik den Einsatz persönlicher, frei formender und gestaltender Kräfte und unterliegt damit auch allen jenen Bindungen, die dem einzelnen von seinem Volkstum, von seiner heimatlichen Landschaft, von Sitte, Brauch und Glauben