Siebzig Jahre Brennerbahn.
Von
Dipl. Ing. F. Kargl.
Mit 12 Abbildungen und 1 Plan.
Die ersten Bahnen sind den hauptsächlichsten Verkehrswegen gefolgt, zu denen der Brenner seit altersher gehörte; seine Überschienung war schon in der frühesten Zeit des Eisenbahnwesens mit allem Nachdrucke gefordert worden.
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Die Brennerstraße.
Geschichtliches.
In den Alpen haben schon in grauer Vorzeit schmale Wege und Pfade bestanden, auf denen die Ureinwohner durch die Wälder und Täler des Gebirges gezogen sind, doch erst die Römer bauten aus politischen und militärischen Rücksichten regelrechte Straßen, als sie das Land eroberten.
Die unruhigen Bergvölker hatten häufig Raubzüge in die oberitalische Ebene unternommen; sie sind zwar immer vertrieben worden, doch stets wieder gekommen. Um den bedrängten Grenzgauen endlich Ruhe zu verschaffen, entsendete Kaiser Augustus seine beiden Stiefsöhne Drusus und Tiberius an der Spitze größerer Heere nach Norden.
Drusus drang in Tirol ein und kam mit seinen Legionen im Etschtale und über das Reschenscheideck rasch vorwärts; die im Eisacktale seßhaften Breonen und Genaunen aber leisteten erbitterten Widerstand, sind aber schließlich der höheren römischen Kriegskunst unterlegen. In der bayrischen Donauebene vereinigten sich die römischen Heere, und die eroberten Gebiete, d. s. die Ostschweiz, Südbayern, sowie das südliche und westliche Tirol, wurden dem Römischen Reiche als Provinz „Rätien“ angegliedert (15 v. Chr.).
Unter Kaiser Claudius, dem Sohne des Drusus, wurde die erste Straße in Tirol, die ,,via Claudia Augusta“, errichtet. Sie führte aus der Poebene durch Tirol nach Norden; ihr Verlauf ist durch zahlreiche Funde und neuzeitliche Forschungen ziemlich genau festgestellt. Sie ging von Altinum aus durch das Tal der Brenta (Val Sugana) nach Tridentum und führte über „pons drusi“ in das obere Etschtal; nach Überschreitung des Reschenscheidecks kam sie ins Ober-Inntal und über den Fernpaß nach Augsburg.