Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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Siebzig Jahre Brennerbahn.

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Über den Brenner wurde vermutlich wegen der großen Schwierigkeiten vorerst keine Straße gebaut, doch bestand ein Saumpfad, alten Wegspuren folgend, durch das Eisacktal und über den Brenner bis an den Inn.

200 Jahre später ließ Kaiser Septimius Severus eine Mihtärstraße über den Brenner beginnen, die nach 20jähriger harter und mühsamer Arbeit unter seinem Sohne und Nachfolger Caracalla vollendet wurde (195 bis 205 n. Chr.).

Diese erste Brennerstraße war eine hervorragende Leistung der römischen Straßenbaukunst und hatte den bescheidenen Ansprüchen früherer Zeiten bis ins Mittelalter hinein genügt, trotzdem sie nach heutigen Begriffen recht unvollkommen und unzureichend war. Sie bildete trotz geringer Breite, großer Steigungen und vieler Gegensteigungen Jahrhunderte hindurch die kürzeste und meistbenutzte Verbindung über die Alpen.

Flußaufwärts von Bozen soll sie ursprünglich wohl in der Eisackschlucht ge­führt haben, nach ihrem raschen Verfall aber über den Ritten in etwa 300 m über der Talsohle umgelegt worden sein; nach Überschreitung des Brenners kam sie ins Silltal und bis Veldidena (Wilten) im Inntale, wo sie sich nach West und nach Ost teilte. An der Mündung der Rienz zweigte eine Straße ins Pustertal ab, die über Aguntum nach Aquileum führte.

Zur Sicherung der Straße legten die Römer befestigte Plätze an, vie Sabionae, Vipitenum, Matrejum und Veldidena, von denen die Romanisierung der keltisch- illyrischen Bevölkerung Rätiens ihren Ausgang nahm, als römische Soldaten und Kolonisten ins Land kamen.

Als das Römerreich unter dem Ansturm germanischer Völkerscharen in Trümmer fiel, wurde Rätien die Beute verschiedener Stämme und die römischen Festungen wurden zum Teil zerstört. Vorübergehend kam das Land in den Besitz der Ostgoten; später drangen Langobarden von Süden her ins Etschland und Slawen von Osten her ins Pustertal.

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts zogen Bajuwaren über den Brenner und stießen im Eisacktale mit den Langobarden, im Tale der Rienz mit den Slawen zusammen; nach langen Kämpfen bildete die Salurner Klause die Grenze gegen das Langobardenreich, Aguntum (bei Lienz) jene gegen die Slawen. Mit der Einwande­rung der bajuvarischen Siedler wurde das Gebiet deutsch; die Brennerstraße ge­wann nun zusehends an Bedeutung in politischer, sowie in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung.

Von den zahlreichen Krönungsfahrten und Kriegszügen deutscher Kaiser hat ein großer Teil den Weg über den Brenner genommen, ein Zeichen, daß die Straße gut und die Unterbringung und Verpflegung selbst größerer Massen möglich gewesen war. Allmählich gewann aber auch der Warenverkehr immer größere Bedeutung, denn die Handelsbeziehungen der Republik Venedig zu den süddeutschen Reichs­städten Augsburg, Nürnberg, Kempten und Ulm waren recht lebhaft geworden, seit­dem die Republik die Vorherrschaft in der Adria errungen hatte. Der rege Wagen­verkehr brachte den an der Straße gelegenen Orten großen Aufschwung, die Gewerbe blühten und die Bevölkerung kam zu Wohlstand.

Die Straße bedurfte mit der Zeit mancher Verbesserung, wozu ebenso wie für ihre Instandhaltung die an einzelnen Stellen eingehobenen, nicht unbeträchtlichen