Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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F. Kargl

Abgaben zum Teil wenigstens verwendet wurden. Flußaufwärts von Bozen wurde sie in die Eisackschlucht zurückverlegt und der beschwerliche Umweg über den Ritten aus­geschaltet (1307); das neue Straßenstück heißt nach ihrem Erbauer der Kuntersweg.

Mit der Entdeckung Amerikas und der Auffindung des Seeweges nach Ost­indien erblich der Glanz Venedigs und der Warenaustausch fand neue Wege; der Rückgang des überseeischen Handels wurde für Tirol durch die Steigerung des Binnenhandels und durch den vergrößerten Absatz seiner Erzeugnisse in Süddeutsch­land ausgeglichen. Das Land war wirtschafthch erstarkt und ihm ein reicher Berg­segen erblüht, der Salzhandel war bedeutend und der Handel mit Holz, Wein und Vieh ganz beträchtlich; Gewerbe und Fuhrwerk hatten gute Zeiten.

Die Brennerstraße wurde dank der Fürsorge der Landesfürsten und der Land­stände in gutem Zustande erhalten und durch Umlegung ungünstiger Abschnitte immer mehr verbessert. Seit dem großen Umbau von 1772 war sie in einzelnen Abschnitten zur förmlichen Kunststraße geworden. Die vielen Verlegungen und Ver­besserungen sowie die Einwirkungen der Natur haben den alten Römerweg im Laufe der Zeiten völlig verschwinden lassen, so daß er in Vergessenheit geriet; erst der neueren Zeit war es Vorbehalten, die Erinnerung an ihn wieder lebendig zu gestalten.

Beim Bau der Bahn ist zwar von der Römerstraße nichts auf gedeckt worden, weil die Bahntrasse abseits davon führt; hingegen sind bei Arbeiten an der Bundes­straße wiederholt Wegstrecken aufgedeckt worden, in denen man wegen der charakte­ristischen Pflasterung Reste der alten Römerstrecke erkannt hat. Neben alten Meilensteinen, die unter anderem auch die Erbauer der ersten Straße, die Kaiser Septimitts und Caracalla nennen, sind auch zahlreiche römische Münzen gefunden worden, die zum großen Teil im Museum Ferdinandeum in Innsbruck geborgen sind.

Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts waren verschiedene Ausgestaltungen an der Brennerstraße geplant gewesen, aber nicht mehr ausgeführt worden, weil in­zwischen die Forderungen nach Errichtung einer Schienen Verbindung über den Brenner immer dringender geworden waren und ihre Verwirklichung näherrückte. Mit der Eröffnung der Bahn wurde die Straße auf den bloßen Wirtschafts- und ört­lichen Nahverkehr zurückgedrängt und nur mehr wenig befahren; infolgedessen wurden für ihre Instandhaltung weiterhin nur mehr geringe Mittel auf ge wendet, eine weitere Ausgestaltung aber nicht mehr in Aussicht genommen. In der neuesten Zeit aber ist sie durch das unerwartete Anwachsen des Kraftfahrwesens zu neuem Leben erweckt worden und mußte unter Aufwendung beträchtlicher Mittel für die An­forderungen des neuzeitlichen Verkehrs umgestaltet werden.

Die Brennerbahn.

V orgeschichte.

Der große wirtschaftliche und kulturelle Wert der Eisenbahnen war in Öster­reich frühzeitig erkannt und die Errichtung eines Hauptbahnnetzes mit großer Tat­kraft eingeleitet worden.

Am 27. September 1825 hatte George Stephenson den ersten öffentlichen Eisenbahnzug von Stockton nach Darlington geführt, und es wird dieser Tag als Geburtstag der Lokomotiveisenbahnen angesehen.