Siebzig Jahre Brennerbahn.
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Schon Ende 1829 legte der Professor am Wiener Polytechnikum F. X. Riepl der Öffentlichkeit einen Entwurf für eine Lokomotiv-Eisenbahn von Wien über Krakau nach Bochnia in Gahzien vor. Die Aufbringung der erforderlichen Mittel gelang nur unter großen Schwierigkeiten; endhch erhielt im März 1836 das Wiener Bankhaus S. M. v. Rothschild ein 50 Jahre währendes Privilegium für die Erstellung dieser Bahn. Ihre erste Teilstrecke Floridsdorf—Deutsch-Wagram wurde mit 13,8 km Länge am 1. Dezember 1837 eröffnet; der Ausbau der weiteren Strecken ging mit einiger Verspätung vor sich. Zu Ende 1841 standen in Österreich rund 350 km Lokomotiv-Eisenbahnen im Betrieb.
Unter dem weitbhckenden Hofkammer- (Minister-) Präsidenten Freiherrn von Kübeck war ein weitgreifendes Bauprogramm aufgestellt worden, das den Bau verschiedener Bahnen vorsah, und zwar:
von Wien nach Triest mit Fortsetzung bis Mailand,
von Wien nach Prag mit Fortsetzung bis an die sächsische Grenze, sowie
von Wien bis an die bayrische Grenze.
Diese Bahnen sollten auf Staatskosten errichtet und ehestens begonnen werden; ihre Erstellung erlitt jedoch manche Verzögerung, da die notwendigen Mittel nur langsam und schwierig sichergestellt werden konnten; sie sollten vornehmlich den Norden mit den Adriahäfen verbinden, ihr Mittelpunkt wäre Wien gewesen.
Tirol, das Jahrhunderte hindurch den Verkehr zwischen Nord und Süd vermittelt hatte, war seit 1836 lebhaft für den Bau von Bahnen auf seinem Gebiete eingetreten, doch fanden seine Bestrebungen in Wien kein sonderliches Echo und die bezüglichen Beschlüsse seiner Landstände wurden dort wenig beachtet. Da beim damaligen Stand der Technik an die Uberschienung des Gebirges nicht zu denken war, drängte Tirol um so mehr auf die Errichtung von Ei sen Straßen im Tale von der bayrischen Grenze bis ins Gebiet des Arlberges. Auf Veranlassung einer Anzahl von „Fabrikherren und Handelsleuten“ hatte Ingenieur Negrelli Anfang 1838 das Unterinntal bereist und Ende März desselben Jahres ein mit Zeichnungen und Kostenberechnungen ausgestattetes Gutachten für die Strecke Innsbruck—Kufstein erstattet. Es ist dies die erste Studie für eine Bahn auf Tiroler Boden, der Entwurf war zwar für die Fahrt mit der Lokomotive berechnet, schloß aber die Förderung mit Pferden nicht aus. Negrelli war übrigens noch im Jahre 1843 der Meinung, daß in Tirol Eisenbahnen nur im Inn- und im Etschtal betrieben werden können.
Der deutsche Volkswirtschaf tier Friedrich List hatte seit dem Jahre 1842 in Flugschriften und in dem von ihm begründeten Eisenbahn-Journal neben dem planmäßigen Ausbau eines deutschen Eisenbahnnetzes auch die Idee einer Schienenverbindung zwischen den Hansastädten und den italienischen Hafenstädten über den Brenner verföchten und damit in Tirol lebhafte Zustimmung gefunden. Das dadurch geweckte Interesse der Öffentlichkeit nahm stetig zu, namentlich beschäftigte die Geister die Frage der Überschienung der Alpen.
In der Tiroler Presse dieser Zeit findet man zahlreiche Vorschläge und Anregungen zur Lösung der Bahnfrage. So wurde für die Überwindung der eigentlichen Bergstrecke von Schönberg bis Sterzing die Errichtung einer mit Pferden zu betreibenden Schienenbahn empfohlen, wie sie zwischen Linz und Budweis bestand; auch die Herstellung einer mit Druckluftbetrieb ausgestatteten Bahn wurde angeregt,
Geschichte der Technik, 6. Heft.
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