6
Viktor Schützenhofer
lehrreich entgegengestellt wird, um zu zeigen, in was unser Vorzug und unser Zurückstand bestehe, wenn endlich bey den künstlicheren Erzeugnissen auch die Modelle der Maschinen, die Beschreibungen der Erzeugungsarten an die Seite gestellt werden“. 1 Der Leidtragende dabei ist Widmanstatten, der die Weiterarbeit an der eigenen Schöpfung andern überlassen muß, da er begreiflicherweise — entgegen dem ihm gestellten Verlangen — sich Prechtl nicht unterordnet, während dieser mit der ihm eigenen an Rücksichtslosigkeit grenzenden Hartnäckigkeit über derlei Dinge einfach hinweggeht, wenn er damit einer von ihm vertretenen Sache nützen zu können glaubt.
Nach dem Statut, das Prechtl für das polytechnische Institut entworfen hatte, sollte dieses nicht nur Lehranstalt sein, sondern auch aus einem erstmalig Technisches Museum 2 benannten Konservatorium für Künste und Gewerbe und einem Verein zur Beförderung der Nationalindustrie bestehen, der allerdings erst viel später als selbständige Einrichtung, und zwar 1839 als Nieder österreichischer Gewerbeverein und 1848 als Österreichischer Ingenieur- und Architektenverein gegründet wurde.
Das Fabriksproduktenkabinett des Polytechnischen Instituts erhielt zum Unterschied von der bisher kaiserlichen Sammlung die Bezeichnung „Nationalfabriks- produktenkabinett“. Dasselbe sollte seinem Organisationsplan entsprechend „ein Vereinigungspunkt“ alles dessen sein, was hinsichthch der „Gewerbeindustrie Österreichs“ wissenswürdig ist. Es sollte aber nicht nur den Stand dieser Industrie zu einer bestimmten Zeit kenntlich machen, es hatte vielmehr die Aufgabe, die allmählichen Fortschritte derselben bis auf die Gegenwart deutlich vor Augen zu führen. Es sollte zeigen, wie jeder Fabrikationszweig nach und nach zu seiner augenblicklichen Vervollkommnung gelangt war, aber auch die Mängel nach weisen, welche in dem einen oder anderen Fache noch bestanden, und damit den Erzeuger zur weiteren Vervollkommnung seines Industriezweiges zu veranlassen. Derart hatte das Nationalfabriksproduktenkabinett eine Übersicht des „inländischen Kunstfleißes“ zu geben und, da es dem Publikum zum Besuche offen stand und häufig auch Besuche von Ausländem erhielt, es dem Erzeuger zu ermöglichen, durch Opferung einiger Muster seine Firma bekannt zu machen, seinen Verdiensten die gebührende Anerkennung und seinen Erzeugnissen Absatz zu schaffen. Es hatte bestimmungsgemäß überdies einige wichtige ausländische Erzeugnisse zu zeigen, um einerseits das zu deren Gunsten bestehende und nicht begründete Vorurteil zu widerlegen und anderseits dort, wo durch Lokalverhältnisse und andere Umstände die ausländischen Produkte einen unbestreitbaren Vorzug erlangt hätten, den Grad ihrer relativen Vollkommenheit gegenüber den inländischen Erzeugnissen dem Inländer vor Augen zu führen und damit aufzufordern, mindestens gleiche Vollkommenheit zu erlangen.
Dem Nationalfabriksproduktenkabinett waren weitere technische und kommerzielle Sammlungen angeschlossen, von denen die Modeliensammlung, das physi-
1 H. K. A. 47 ex Martio 1809 5021/317 N. Ö. Fase. 63.
‘ 2 S. 43 der „Rede bei der ersten Eröffnung der Vorlesungen am k. k. polytechnischen Institute in Wien den 6. November 1815“, gehalten von Johann Joseph Prechtl, Direktor dieses Instituts. Verlegt und gedruckt bei Carl Gerold, Wien.