Aufsatz 
Aloys von Widmanstätten / von Viktor Schützenhofer
Entstehung
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Viktor Schützenhofer

von Widmanstatten hatte den Familienbetrieb unter neuzeitlicher Ausgestaltung der technischen Einrichtungen anfangs mit großem Erfolg geführt. Da aber von Kaiser Josef II. alle Gewerbe als persönliche Gerechtsame erklärt worden waren, erhielt die Familiendruckerei mehrere Konkurrenten, darunter Josef Leykam, mit dem sich Aloys von Widmanstatten zwecks neuerlicher Hebung des Geschäfts­ganges assoziierte und dem er schließlich nach längeren Streitigkeiten mit den Fideikommißanwärtern 1806 den WiDMANSTÄTTENschen Druckerei- und Verlags­besitz verkaufte.

Aloys von Widmanstatten dürfte wohl das gewerbliche Meisterrecht besessen haben und ein Entzug desselben durch kaiserliche Verfügung, die sich nur auf das Privileg der Konkurrenzfreiheit bezogen hatte, wird kaum je beabsichtigt ge­wesen sein, da bei ihm doch neben der Erblichkeit die tatsächliche Erlernung und Ausübung des Gewerbes gegeben war.

Bereits im Jahre 1804 übernahm Aloys von Widmanstatten die Leitung der Pottendorfer Spinnerei und Gamfabrik, die im gleichnamigen Ort nächst Wien ihren Sitz hatte. Nach nicht ganz zwei Jahren gab er aber trotz eines überaus günstigen, ihm bei erfolgreicher Führung des Unternehmens eine Beteiligung an demselben zusichernden Vertrages diese Stellung auf, um einer kaiserlichen Be­rufung auf den Posten des Direktors des in Wien neu zu gründenden k. k. Fabriks- produktenkabinetts Folge zu leisten.

Außer ihm waren für diesen Posten der Professor der Prager Universität Franz Josef Gerstner 1 und der schon in kaiserlichen Diensten stehende Regierungsrat Peter Jordan von dem antragenden Referenten in Aussicht genommen. Während Gerstner vom Kaiser als von Prag unabkömmlich befunden wurde, war Jordan inzwischen zum Leiter der kaiserlichen Wirtschaftsbetriebe Vösendorf und Laxen­burg bestellt worden. Da Widmanstatten überdies seiner gewerblichen und technischen Kenntnisse sowie seiner erfinderischen Tätigkeit auf dem Gebiete des Maschinenbaues wegen dem Kaiser als besonders geeignet bezeichnet worden war, wurde er, anfangs des Jahres 1807 mit der Leitung des neu zu errichtenden, der Wirtschaftsförderung dienenden k. k. Fabriksproduktenkabinetts unter Zuerkennung eines Jahresgehaltes von 2000 Gulden, sowie freier Wohnung, Licht und Beheizung betraut. Ursprünglich sollte das Kabinett im Augustinertrakt der Hofburg unter­gebracht werden. Als sich dies aber raummangelshalber als unmöglich erwies, wurde über Vorschlag Widmanstattens hiefür eine ihm geeignet erscheinende Wohnung in der Innern Stadt Nr. 390 auf der Hohen Brücke im Mai 1807 gemietet.

Der Aufbau des Kabinetts, das vorerst nur Nachweiszwecken dienen und erst später auch eine öffentlich zugängliche Ausstellung enthalten sollte, erwies sich, durch die Kriegswirren der Zeit behindert, keineswegs als leicht und wurde durch eine unzulängliche Personaldotierung noch erschwert. Widmanstatten konnte sich allerdings die reichen Erfahrungen des niederösterreichischen Fabriksinspektors Stefan von Kees zunutze machen, der sich für seine Zwecke eine ähnliche, wenn auch auf niederösterreichische Produkte beschränkte Sammlung angelegt hatte.

1 In der bezüglichen Eingabe von Joseph Frh. v. Kielmansegge Sub. Nr. 230 de ao 807, O. K. A. 804/1806, heißt es irrtümlicherweise Johann Gerstner anstatt Franz Josef.