Aloys von Widmanstätten.
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Der vorerst betretene Weg des bloß schriftlichen Verkehrs mit den Landeschefs zum Zwecke der Beschaffung der Musterstücke für das neue Kabinett brachte nicht den gewünschten Erfolg. Widmanstätten bereiste daher über kaiserlichen Auftrag die österreichischen Provinzen, um die Musterauswahl in den Fabriken selbst zu treffen. Auch wurde er vom Kaiser zum Studium der Industrieförderung ins Ausland, insbesondere nach England, Italien und Frankreich entsandt, dessen Societe pour l’encouragement de l’industrie (Industrieförderungsgesellschaft) das besondere Interesse desselben gefunden hatte.
Da die Größe der Räume auf der Hohen Brücke für beide Zwecke — Nachweisstelle und Ausstellung — nicht ausreichte, entwarf Widmanstätten einen Plan für die Unterbringung des Kabinetts in einem eigens hiefür zu errichtenden Gebäude. Zwischenzeitig waren aber bereits Bedenken laut geworden, daß das Fabrikspro- duktenkabinett in seiner damaligen Form den ihm zugedachten Aufgaben nicht gerecht werden könne. In Verfolg derselben ordnete der Kaiser mit Entschließung vom 15. November 1814 die Übergabe des Gesamtinventars des k. k. Fabriks- produktenkabinetts an das in Gründung befindliche Wiener Polytechnische Institut an. Auf diese Entschließung scheint auch der Direktor des Polytechnischen Instituts, Prechtl, Einfluß genommen zu haben, der kein Mittel unbenützt ließ, um sich den Sammlungsbestand des k. k. Fabriksproduktenkabinetts für sein Institut zu sichern. Die Übergabe des Inventars des Fabriksproduktenkabinetts wurde anfangs 1816 in Abwesenheit des gerade verreisten Direktors Widmanstätten durchgeführt, obwohl die damit Betrauten: der k. k. Rath und Naturalienkabinetts-Direktor von Schreibers und der Registrator des gleichen Instituts Mayrseder dagegen Bedenken äußerten. 1 Die ihm mit Note des Obristkämmereramtes vom 9. Juni 1815 angetragene Weiterführung der nun Nationalfabriksproduktenkabinett benannten kaiserlichen Sammlung in Unterstellung unter den Direktor des Polytechnischen Instituts, bei gleichzeitiger Übernahme des Lehramtes der empirischen Technologie daselbst, lehnte Widmanstätten begreiflicherweise ab.
Wie sehr Widmanstätten sich durch die Übergabsverfügung und die mit dieser in Zusammenhang stehenden Zumutungen gekränkt fühlte, geht aus der nachstehend wiedergegebenen, für die Beurteilung seiner Denkweise, aber auch seiner Mitwirkung am Aufbau des k. k. Fabriksproduktenkabinetts bedeutsamen Eingabe 2 an den Obristkämmerer Grafen von Wrbna hervor, mit der er diesen „um Schutz und gnädige Fürsprache zur Erhaltung des k. k. Fabriksproduktenkabinetts und Aufrechterhaltung seiner bisherigen Dienstverhältnisse“ bittet:
„Euer Excellenz!
Die laut Beylage in Abschrift mir zugekomene Verständigung vom 9ten Juni d. J. ./. hat mich ungemein erschüttert, und ich muß dagegen als tief gekränkter Beamter an die allgemein anerkannte Rechtlichkeit und das zarte Ehrgefühl Euer Excellenz als meinen bisherigen Chef unterthänigst appelieren.
1 Brief von Joh. Jos. Prechtl vom 21. Juli 1815 an A. v. Widmanstätten O.K.A. zu 1382/815, sowie Bericht von Karl von Schreibers vom 11. Feber 1816. 0. K. A. ohne Zahl.
2 0. K. A. 1382/815.