II. Teil.
Die Arbeiten Friedrich Ritter von Lössls auf aerodynamischem und flug-mechanischem Gebiet.
Von
Prof. Dr. Dipl.-Ing. Ernst von Lössl.
Mit 1 Abbildung.
Die wichtigsten Ergebnisse der flugtechnischen Arbeiten Lössls sind in seinem Buch ..Die Luftwiderstandsgesetze, der Fall durch die Luft und der Vogelflug“, Wien 1896, Verlag Alfr. Holder, der Öffentlichkeit zugänglich geworden, das auch alle seine vorhergehenden Veröffentlichungen im wesentlichen enthält.
Das Werk, und damit das flugtechnische Schaffen Lössls, ist auf sehr geteilte Meinungen gestoßen und es lohnt wohl der Mühe, einmal festzustellen, was im Licht unserer heutigen Strömungsforschung und Flugmechanik Wert behalten hat.
Da eine nach einem halben Jahrhundert an einem Forscher geübte Kritik in den meisten- Fällen zur Verurteilung eines großen Teiles seiner Arbeiten und Ergebnisse führen wird und das Ausmaß davon nicht vom betreffenden Forscher, sondern von den nach seinem Tod erfolgten Wandlungen der wissenschaftlichen Denkweise abhängt, soll zuerst kurz gezeigt werden, in welchem Zeitraum der Entwicklung von Strömungs- und Flugmechanik Lössl gearbeitet hat; denn nur so kann eine gerechte Beurteilung erfolgen und eine überhebliche Entstellung vermieden werden.
Die ganze Strömuugsmechanik war seit langem in zwei Lager gespalten, nämlich das der reinen Mathematiker, welche die Mechanik der reibungsfreien, idealen Flüssigkeiten zu großer Vollkommenheit entwickelt hatten, und das der experimentell arbeitenden Forscher, denen es hauptsächlich um das Problem des Flüssigkeitswiderstandes zu tun war. Zwischen der „klassischen“ Hydromechanik und den experimentellen Ergebnissen öffnete sich eine weite Kluft, weil jene für alle umströmten Körper zu dem Schluß kam, daß sie weder Auftrieb noch Widerstand haben könnten. Infolgedessen mußten die Empiriker ihre Meßergebnisse durch einfache Vorstellungen von den Strömungsvorgängen stützen, welche in Verbindung mit den Meßergebnissen zu mehr oder weniger