Ernst von Lössl: Die Arbeiten Friedrich Ritter von Lössls.
23
richtigen Faustformeln führten. Es sei vorweggenommen, daß auch heute eine allgemein gültige Widerstandstheorie noch nicht gefunden ist.
Hinzu kam, daß zu Widerstandsforschungen, welche im 17. und 18. Jahrhundert starke Anregung durch die allgemeine Mechanik, die Ballistik und den Schiffbau erfuhren, im 19. Jahrhundert keine Veranlassung vorlag, bis, ziemlich plötzlich, die sich ankündigende Flugtechnik wieder starkes Interesse hierfür weckte. Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Luftschiffe ihre ersten Erfolge und 1865 brachte wohl eine Propagandaschrift von Nadar „Le droit au vol“ den Stein ins Rollen, ln Frankreich erschien die flugwissenschaftliche Zeitschrift „L’aero- naute“ 1868; in England wurde 1865 die „Aeronautical Society of Great Britain“^ die sich mit dem dynamischen Flug beschäftigen sollte, gegründet. Sodann bekam wiederum die Ballonluftschiffahrt, hauptsächlich infolge der militärischen Interessen und Notwendigkeiten, die Oberhand, konnte aber das einmal geweckte Interesse am dynamischen Flug nicht mehr zum Erliegen bringen. In den Siebzigerjahren bewiesen fliegende Modelle von Dandrieüx, Forlanini und vor allein Penaud die Möglichkeit des Kunstfluges und kurz darauf gelangen Otto Lilienthal die ersten Gleitflüge. Er war nach langer Pause der erste, der meß- technische Arbeiten von großer Ausführlichkeit durchführte und sich damit auch den Erfolg sicherte. Seine Ergebnisse sind in dem bekannten Werk „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“, Verlag R. Gaertner, Berlin 1889, niedergelegt, dessen Vergleich mit dem oben zitierten Werk Lössls von besonderem Reiz ist, weil beide der „Pionierzeit“ im engeren Sinn angehören und andere Werke von Bedeutung damals nicht erschienen sind. 1877 wuide unter Mitwirkung Lössls der Wiener Flugtechnische Verein gegründet, dem auch Kress angehörte.
Es bleibt also festzuhalten, daß Lössl keine brauchbare Theorie des Luftwiderstandes und Auftriebes vorfand, dagegen war durch Messungendes 18. Jahrhunderts (Borda, Beaufoy, Vince, Hutton, Duruat) nadhgewüesen worden, daß Widerstand nicht allein auf der Vorderseite der Körper entsteht, so daß die Ausbildung der Rückseite belanglos ist, sondern daß auch die Rückseite stark beteiligt ist im Gegensatz zur weitverbreiteten Stoßtheorie von Newton (Prin- cipia, London 1687). Diese Messungen lagen aber ein Jahrhundert zurück.
Nur aus dieser Situation heraus ist vieles bei Lössl ebenso wie auch bei Otto Lilienthal zu verstehen. Es ist heute einfach, eine nur auf Vorderseitenwirkung aufgebaute Luftwiderstandstheorie zu belächeln, nachdem im Jahre 1904 durch die PRANDTLsche Grenzschichttheorie die Kluft zwischen deduktiven und induktiven Methoden geschlossen und daraufhin durch Lanchester, Kutta, Joukowsky und vor allem den Göttinger Kreis das ganze Gebäude der Tragflügeltheorie aufgebaut worden war. Es gehört ein erhebliches geschichtliches Abstraktionsvermögen dazu, um einen „vorgeschichtlichen“ Forscher heute richtig einzuschätzen.
Vor Betrachtung von Forschungsergebnissen sei ein Blick auf die Meßverfahren Lössls geworfen.
Der für Auftriebs- und Widerstandsmessungen am meisten verwandte zweiarmige Rundlaufapparat mit Doppeigewiohtantrieb war nicht neu, er wurde, von