Wilhelm Kress.
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neuen Drachenflieger zu bauen, dessen Tragkraft dem Gewicht des vorhandenen Motors entsprechen sollte. Aber mitten in der Arbeit scheint Kress die Zuversicht verlassen zu haben, daß ihm noch jemals ein Erfolg beschieden sein könnte. Auch die Geldmittel, die man für ihn gesammelt hatte, waren zu Ende gegangen und so stellte er den Bau endgültig ein. Resigniert berichtete er im Jahre 1904 über die Lage, in die er geraten war. „Ich habe den alten Motor verkauft, zur Anschaffung eines neuen leichten Motors mangelt es mir an Kapital. Durch die gütige Intervention des Erzherzogs Leopold Salvator wären mir 10 000 K zur Verfügung gestanden. Ich habe das Geld nicht in Anspruch genommen. Zur Übersiedlung an den für meine Zwecke äußerst 'günstigen Neusiedler See und zur Vornahme wirklich praktisch wertvoller Versuche, steter maschineller Verbesserung und zumindest einjährigem ruhigem Fortarbeiten langt der Betrag nicht. Wenn ich dann nach einiger Zeit stecken bleibe, heißt es bloß wieder, ich hätte wieder so und so viel nutzlos ausgegeben, und das will ich nicht. Mein Drachenflieger ist gegenwärtig nächst dem Tullnerbach aufbewährt. Die Hütte ist jedoch baufällig geworden, sie bedarf der Erneuerung, auch habe ich allmonatlich einen Wächter zu bezahlen, lauter Ausgaben, denen ich auf die Dauer nicht gewachsen bin. Und so werde ich mich entschließen müssen, mein Werk zerschlagen zu lassen, zumal es mir nicht gelingen will, einen anderen entsprechenden Verwahrungsort ausfindig zu machen. Es schmerzt mich dies sehr, da gerade jetzt die von mir seit 50 Jahren mit Aufopferung meines Vermögens, mit Einsatz meines Lebens verfochtene Idee sich als siegreich erweist. Die Brüder Wright in Amerika fliegen mit der Drachenkonstruktion, so wie meine Modelle seit 1877 frei fliegen. Wir werden fliegen, es ist kein Zweifel. Theoretisch ist die Frage für die Fachwelt erledigt, praktisch handelt es sich nur um Geld. Schrittweise wird sich die Flugtechnik entwickeln wie der Automobilismus, wie die Schiffahrt. Mir ist es leider in Zukunft mitzutun wohl nicht mehr vergönnt.“ Das KRESS-Komitee und der von diesem verwaltete KRESS-Fonds für den nunmehr nur noch spärliche Geldbeträge einliefen, bestand weiter. Friedrich Lössls Sohn Hermann wurde der Obmann dieses Komitees und führte in dieser Eigenschaft einen regen Briefwechsel mit Kress. Am 26. Juni 1909 schrieb er einen Brief, in dem er Kress befragte, ob ein im Komitee angebotener Voisin-Fahrmann Aeroplan mit den vorhandenen Geldern gekauft werden sollte, wozu es jedoch nicht kam (Bild 9).
Trotz allem entwickelte Kress auch in den letzten Jahren, die nun folgten, eine ihm längst zur Gewohnheit gewordene Vortragstätigkeit. Auch neue Entwürfe stammen aus dieser Zeit. So meldete er 1905 — wohl unter dem Eindruck ZEPPELiNscher Erfolge — ein „Ballonluftschiff“ zum Patent an und 1907 eine „Flugmaschine ohne Anlauf“. Diese sollte mit einer schwenkbaren Luftschraube ausgerüstet werden, die, lotrecht gestellt, den Aufstieg ermöglichte und die nach diesem, waagrecht gestellt, für den Vortrieb des Flugzeuges sorgen sollte.
Auch ging Kress nun daran, seine gesamte flugtechnische Tätigkeit und insbesondere auch seine Leistungen auf dem Gebiete der Luftfahrttheorie zu-