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Rudolf Saliger: Gustav Adolf Wayss.
gen an der Hand der damaligen noch sehr spärlichen Angaben im Schrifttum durchzuführen. Für die Ausführung des Konstruktionsentwurfes wurde ich 1898 von der Baudirektion als Bauleiter am Egydi-Tunnel bestimmt. Die Bauarbeiten dauerten über den ganzen Sommer und waren erst knapp vor Eintritt des Winters beendet. Auf diese Weise gelangte ich zur ersten praktischen Ausführung eines großen Betonbaues, der von ausschlaggebendem Einfluß auf meine fachliche Entwicklung war. Die umfangreichen Beton- und Stahlbetonarbeiten führte die Unternehmung G. A. Wayss durch. Es war mir eine große Freude, bei diesem Bau Ingenieur Josef Schuster und G. A. Wayss kennenzulernen. Wayss zeigte mir die im gleichen Jahr zur Herstellung gelangte Zeller Hochbrücke bei Waidhofen a. d. Ybbs. Das Tragwerk ist ein Stahlbetongewölbe von 44 m Spannweite, auf dem mit Querwänden die Fahrbahn aufruht. Wayss hat auch die Brückenbogen von 46 m Spannweite über die Ybbs bei Amstetten hergestellt. Außerordentlich bemerkenswert war die von Wayss 1898 bis 1899 ausgeführte 2 km lange Überdeckung der Donaukanallinie der Wiener Stadtbahn durch Plattenbalken mit Spannweiten bis 18,5m nach seinen Berechnungen und seiner Bauart.
Später hatte ich noch mit anderen Bauwerken der Firma G. A. Wayss zu tun. Nach meiner Berufung nach Wien im Jahre 1909 bin ich häufig mit G. A. Wayss in fachliche Berührung gekommen und lernte ihn als begeisterten und geistreichen Vertreter der neuen Bauweise schätzen, der stets erfüllt war von neuen Konstruktionsgedanken. Ich hatte auch Gelegenheit, ihn von der menschlichen und persönlichen Seite zu sehen. Ich besuchte ihn mehrmals in Waidhofen a. d. Ybbs, wohin er sich zurückgezogen hatte, das letzte Mal im Jahr 1916, wobei ich ihn dringend ersuchte, sein Leben zu beschreiben, das für das Werden der Stahlbetonweise so wichtig und grundlegend gewesen ist. Wayss zeigte wenig Lust dazu und hat keine fachlichen Aufschreibungen hinterlassen. Er war verbittert, daß ihm geschäftige und hurtige Neider seinen geistigen Anteil an der Frühentwicklung des Eisenbetons streitig gemacht hätten und andere sich mit seinen Federn schmückten.
Auf den Anteil Wayss habe ich anläßlich der Fünfzigjahrentwicklung des Stahlbetons in der Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines 1936 und in einem Vortrag im Technischen Museum hingewiesen. (Siehe die diesbezügliche Bemerkung über die Ausstellung in der Hofburg 1942 unter e.)
Ich halte es für meine Pflicht, der Lebensarbeit dieses Mannes gerecht zu werden und der geschichtlichen Wahrheit eine Gasse zu bahnen.