Aufsatz 
Ingenieur Gustav Adolf Wayß : ein Bahnbrecher des Stahlbetons ; ein Beitrag zur Geschichte der Technik / von Rudolf Saliger
Entstehung
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Gustav Adolf Wayss.

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Hauptversammlung des Deutschen Betonvereines im Jahr 1901 (gegründet 1897), also 15 Jahre nach den Versuchen von Wayss und nach Erscheinen der MoNiER-Broschüre. Eugen Dyckerhoff, der damalige Vorsitzer des Deutschen Betonvereines, nahm eindeutig Stellung gegen die Einlage von Bewehrungs- stäJben im Beton.Ich habe, so erklärt Dyckerhoff,beobachtet, daß der Zement Risse bekam, wo Eisenstäbe lagen, die den Zementkörper sprengen. Dyckerhoff schloß:Wenn Sie ruhig schlafen wollen, lassen 'Sie das Eisen aus dem Zement heraus. Ich für meine Person habe immer noch Bedenken gegen mit Eisen armierte Zementarbeiten.

Was Dyckerhoff als Vorsitzer des Betonvereines im Jahr 1901 verkün­dete, entsprach durchaus den Ansichten weiter Kreise, auch wenn später so viele sich der Urheberschaft der neuen Bauweise rühmten.

Als'der Schreiber dieses iui Jahr 1900 nach Posen und Berlin kam, wußten dort nur ganz wenige Bauleute vom Eisenbeton mehr als den Namen und viele kannten diesen nicht. Sie hielten den bewehrten Beton für ganz unwichtig und taten ihn geringschätzig ab. Überhaupt war der Eisenbeton in Norddeutschland damals fast unbekannt. 1901 wurden die ersten Decken aus Stahlbeton in Kassel nach meinen Berechnungen ausgeführt.

g) Persönliche Erinnerungen.

Ein besonders anregender Teil der Aufgaben, die mir in meiner Stellung als Ingenieur in der Brückenbauabteilung der Südbahn 1897 übertragen wur­den, waren die Widerlager der Laibacher Moorbrücke. Wegen der gerin­gen Tragfähigkeit des Baugrundes und des viel größeren Gewichtes des neuen Stahltragwerkes gegenüber 'der alten Holzfachwerkbrücke konnte mit einer Verbreiterung der Pfeilerfüße allein nicht mehr das Auslangen gefunden wer­den. Der Vorstand des Brüdkenbüros Ingenieur Holzer, später Baudlrektor der Südbahn, entschied daher die Anwendung von Hohlwiderlagern auf Beton mit Stahlbewehrung. Ich hatte die Aufgabe, die Größe der Hohlkörper und die erforderlichen Stahleinlagen >zu berechnen und danach die Widerlager zu ge­stalten. Es handelte sich hier um die erste Eisenbetonkonstruktion, mit der ich mich unter der Leitung eines erfahrenen Brückenbauers zu befassen hatte. Die ersten MoNiER-Konstruktionen der Südbahn und wohl im Eisenbahnwesen über­haupt waren die Wölbbrücken der Südbahn in der Nähe von Mödling bei Wien. Sie stehen unversehrt und sind im Schrifttum der Betontechnik oft erwähnt.

Die Stahleinlagen der erwähnten Brüokenwiderlager waren nach den An­gaben Holzers als leichte vernietete Raumfachwerke (nach der Bauweise Melan) gestaltet. Die Uberdeckung der Einlagen mit Beton wurde mit 8 bis 10 cm bemessen, die Wanddicke der Hohlkörper mit durchschnittlich 80 cm. Die Ausführung oblag der Unternehmung G. A. Wayss.

Für die Verlängerung des Egy di-Tunnels bei Marburg a. d. Drau, die infolge einer umfangreichen Lehnenrutschung sich als notwendig erwies, wurde ein Betongewölbe mit Steifbewehrung geplant. Die Bauart war notwen­dig, um die Schalung an den tragfähigen Fachwerkstahlbogen aufhängen zu können. Nach den Anweisungen Holzers hatte ich die statischen Berechnun-

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Technikgeschichte, 10. Heft.