Goethe, Naturwissenschaften und Technik.
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ein Spiel der Phantasie, von freilich großartigen Ausmaßen, aber nicht als heilige Offenbarungen tiefer Naturgeheimnisse.
Im nachstehenden wind versucht, die Beziehungen Goethes zu den einzelnen Zweigen der Naturwissenschaften, wie Chemie, Biologie, Medizin und Pharmazie, Mathematik, Physik, Meteorologie, Mineralogie und Geologie kurz, aber möglichst erschöpfend zu umreißen. So weit als angängig, werden des Dichterfürsten eigene Worte und Zeugnisse hierzu verwendet werden.
Chemie. 'Goethes erste Beziehungen zur Natur sind überraschenderweise einer Beschäftigung mit der Alchemie zu verdanken, einer Disziplin, auf der heute allgemein der Schatten unwissenschaftlicher Betrachtungsweise liegt. Und doch waren jene Frankfurter Monate, in denen Goethe, als Zwanzigjähriger krank aus Leipzig zurückigekommen, zuerst dem Tode nahe war und dann durch einen Adepten der geheimen Künste auf geheimnisvolle Weise geheilt wurde, entscheidend für sein ganzes Leiben. Als kranker Jüngling wurde er in einen optisch- alchemistischen Kreis eingeführt. Nach dieser Krankheit, während welcher er die Wirkung der nach chemischer Kunst bereiteten „Salze“ an sich selbst kennenlernte, trat Goethe in ein unmittelbares Verhältnis zur Chemie, und zwar experimentierend und dem Bedürfnis nach Anschauung und „gegenständlichem Denken“ genügend. Ein „Faust“ hätte nie entstehen können, wären Goethe nicht Leben und Arbeit eines Alchemisten aus eigener Anschauung und eigener Tätigkeit bekannt gewesen. Aber auch Goethes spätere Einstellung zur Natur und insbesondere auch sein auf das Empirische gerichteter Forschungsdrang liegen in der damaligen Lektüre und Tätigkeit beschlossen. In diesen alchemistisch-mysti- schen Bereich wurde Goethe durch Susanne von Klettenberg, die „Schöne Seele“ aus Wilhelm Meisters Lehrjahren, eingeführt, die selbst, als Großnichte eines bekannten Alchemisten, Anschauungen dieser Art huldigte und sogar mit eigener Hand laborierte.
Obwohl sich Goethe mit den Grundgedanken der Alchemie viel und eingehend beschäftigte, hielt er offensichtlich von der praktischen Alchemie nicht allzu viel, zumal ihre Lehren „mit einem unerträglichen Einerley“ wiederholt wurden, und zwar als Auslegung und Weiterführung älterer philosophischer und mystischer 'Gedanken. Diesen „poetischen Teil der Alchemie“ war er jedoch bereit, gelten zu lassen, „wenn er mit freyem Geiste behandelt wird“.
Als eine Erinnerung an 'Goethes alchemistische Studien mag man die Verse im „Faust I“ (Vor dem Tore) ansehen:
„— — Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad, der Lilie vermählt.
Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer,
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben Die junge Königin im Glas;
Hier war die Arznei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: Wer genas?-“
Die Stelle 'bezieht sieh auf die „Reinigung“ der „unedlen“ Körper, der Metalle und Metall Verbindungen mit dem Stein der Weisen, dem Lapis phiilosophorum, als