Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
Seite
3
Einzelbild herunterladen

Goethe, Naturwissenschaften und Technik.

3

ein Spiel der Phantasie, von freilich großartigen Ausmaßen, aber nicht als heilige Offenbarungen tiefer Naturgeheimnisse.

Im nachstehenden wind versucht, die Beziehungen Goethes zu den einzelnen Zweigen der Naturwissenschaften, wie Chemie, Biologie, Medizin und Pharmazie, Mathematik, Physik, Meteorologie, Mineralogie und Geologie kurz, aber möglichst erschöpfend zu umreißen. So weit als angängig, werden des Dichterfürsten eigene Worte und Zeugnisse hierzu verwendet werden.

Chemie. 'Goethes erste Beziehungen zur Natur sind überraschenderweise einer Beschäftigung mit der Alchemie zu verdanken, einer Disziplin, auf der heute allgemein der Schatten unwissenschaftlicher Betrachtungsweise liegt. Und doch waren jene Frankfurter Monate, in denen Goethe, als Zwanzigjähriger krank aus Leipzig zurückigekommen, zuerst dem Tode nahe war und dann durch einen Adepten der geheimen Künste auf geheimnisvolle Weise geheilt wurde, ent­scheidend für sein ganzes Leiben. Als kranker Jüngling wurde er in einen optisch- alchemistischen Kreis eingeführt. Nach dieser Krankheit, während welcher er die Wirkung der nach chemischer Kunst bereitetenSalze an sich selbst kennen­lernte, trat Goethe in ein unmittelbares Verhältnis zur Chemie, und zwar experi­mentierend und dem Bedürfnis nach Anschauung undgegenständlichem Denken genügend. EinFaust hätte nie entstehen können, wären Goethe nicht Leben und Arbeit eines Alchemisten aus eigener Anschauung und eigener Tätigkeit be­kannt gewesen. Aber auch Goethes spätere Einstellung zur Natur und ins­besondere auch sein auf das Empirische gerichteter Forschungsdrang liegen in der damaligen Lektüre und Tätigkeit beschlossen. In diesen alchemistisch-mysti- schen Bereich wurde Goethe durch Susanne von Klettenberg, dieSchöne Seele aus Wilhelm Meisters Lehrjahren, eingeführt, die selbst, als Großnichte eines bekannten Alchemisten, Anschauungen dieser Art huldigte und sogar mit eigener Hand laborierte.

Obwohl sich Goethe mit den Grundgedanken der Alchemie viel und ein­gehend beschäftigte, hielt er offensichtlich von der praktischen Alchemie nicht allzu viel, zumal ihre Lehrenmit einem unerträglichen Einerley wiederholt wurden, und zwar als Auslegung und Weiterführung älterer philosophischer und mystischer 'Gedanken. Diesenpoetischen Teil der Alchemie war er jedoch be­reit, gelten zu lassen,wenn er mit freyem Geiste behandelt wird.

Als eine Erinnerung an 'Goethes alchemistische Studien mag man die Verse imFaust I (Vor dem Tore) ansehen:

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,

Im lauen Bad, der Lilie vermählt.

Und beide dann, mit offnem Flammenfeuer,

Aus einem Brautgemach ins andere gequält.

Erschien darauf mit bunten Farben Die junge Königin im Glas;

Hier war die Arznei, die Patienten starben,

Und niemand fragte: Wer genas?-

Die Stelle 'bezieht sieh auf dieReinigung derunedlen Körper, der Metalle und Metall Verbindungen mit dem Stein der Weisen, dem Lapis phiilosophorum, als