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Franz Kirnbauer
eigentlichem Ziele. Der „Rote Löwe“ ist eine Bezeichnung für Gold und Goldverbindungen, die Lilie kann als Silber gedeutet werden. Der Ausdruck „gequält“ soll den künstlich-gewaltsamen chemisch-alchemistischen Veredlungsprozeß veranschaulichen.
Der Übergang von der Alchemie zur exakten Chemie fiel gerade in die Lebenszeit Goethes und war bedingt durch die Einführung der messenden Methode an Stelle der bisherigen rein qualitativen Experimente, namentlich durch den großen Franzosen Lavoisier. Daß sich der Dichter auch mit der reinen und angewandten Chemie eingehend beschäftigte, werden wir später noch hören. Kurz möge hier folgendes erwähnt werden: Der 21jährige Goethe hörte in Straßburg (1770) auch Chemie hei Professor Spielmann. Im selben Jahr wurde er mit der angewandten Chemie anläßlich eines Ausfluges nach dem Unter-Elsaß und Lothringen bekannt. Er schrieb darüber: „Hier wurde iöh nun eigentlich in das Interesse der Berggegenden eingeweiht, und die Lust zu ökonomischen und technischen Betrachtungen, welche mich einen großen Teil meines Lebens beschäftigt haben, zuerst erregt.“
Als „Geheimer Legationsrat“ in Weimar war Goethe bereits als interessierter Techniker, wie wir noch sehen werden, bestrebt, Glashütten >zu besichtigen, in Bergwerke 'zu fahren, Silberproben zu machen und das Ilmenauer Bergwerk wieder in Gang zu bringen.
Mit den chemischen Beratern in Jena (Göttling, Döbereiner, Wackenroder) war Goethe ununterbrochen an chemisch-technischen Problemen tätig.
Durch seine zahlreichen Reisen lernte er die verschiedenartigsten Fabrikationszweige kennen, wie die Porzellanmanufaktur in Berlin (1778), Bergwerke von Joadhimstal (1785) und Freiberg (1812), das Arsenal in Venedig (1786), das Salzbergwerk von Wieliczka (1790), die Spinnereien in Chemnitz, die Glashütte in RedWitz (1822) u. a. mehr.
„Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äußere Welt wirken“, so lehrte Goethe, und von der Chemie rühmte er, daß sie „von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß aufs Leben sich erweist“.
Neben dem Verdienst um die experimentelle Ausgestaltung des Chemieunterrichts in Jena ist es Goethe hoch anzurechnen, daß er die Stellung der Chemie zu einer wissenschaftlichen Disziplin der philosophischen Fakultät gefördert hat.
Eine besondere Bedeutung maß Goethe alsbald den elektrochemischen Vorgängen bei und verblieb bis an sein Ende bei dieser Einstellung. Noch 1832 schrieb er an Wackenroder: „Es interessiert mich höchlich, inwiefern es möglich sei, der organisch-chemischen Operation des Lebens beizükommen ...“
Medizin und Pharmazie. Goethe besaß großes Vertrauen zu den Ärzten und deren Heilmitteln, aber auch genügend gesunde Kritik ihnen gegenüber, wie dies aus zahlreichen Aussprüchen hervorgeht. Der ärztlichen Kunst brachte er jederzeit großes Interesse entgegen. In „Dichtung und Wahrheit“ berichtete er aus seiner Leipziger Zeit: „In solcher Zierstreuung und Zerstückelung meines Wesens und meiner Studien traf sich, daß ich bei Hofrat Ludwig den Mittagstisch hatte. Er war Mediziner, Botaniker, und die Gesellschaft bestand aus lauter an-