Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
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Goethe, Naturwissenschaften und Technik.

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der Entwicklung der exakten Natur wissenschaf ten , die seilt Kepler und Galilei durch die Tendenz bestimmt ist, die Beziehungen der physikalischen Begriffe zu den Sinnesorganen abzustreifen und sie auf Zahlen Verhältnisse und Denkprozesse zurückzuführen. Für Goethe aber ist das Ziel nicht, die Natur nach mathema­tisch formulierten Gesetzen zu ordnen,, sondern durch unmittelbares Anschauen ihrer Wesen zu erkennen. GoETiiEsche Physik ist demnach nicht exakte Natur­wissenschaft, sondern sie ist Naturbetrachtung, dies allerdings im höchsten Sinne.

Physik. Jahrzehnte hindurch beschäftigte sich Goethe mit dem Problem der Farben und war auch selbst der Meinung, hierin sein Bestes geleistet zu haben. Anlaß für diese Tätigkeit war sein Verkehr mit Malern in Rom, von denen er vergeblich «u erfahren suchte, warum gewisse Farben gewisse Stimmungen bervorrufen. Bei der Verfolgung dieses Zieles gelangte Goethe zu einer völlig neuen Auffassung vom Wesen der Farben überhaupt und geriet damit in einen Gegensatz -zu der schon damals über hundert Jahre lang erprobten Lehre des größten Physikers aller Zeiten, Newton. Das Ergebnis dieser Studien ist Goethes zweibändigeFarbenlehre (1810). Nach ihr ist das weiße Licht nicht, wie Newton es erklärt hatte, aus einzelnen farbigen Teilstrahlen zusammen­gesetzt, die Farben entstehen vielmehr erst, sobald weiße und schwarze Flächen Zusammenstößen. Zur weiteren Erklärung zog Goethe eine physikalische Er­scheinung heran, die bis dahin wenig Beachtung gefunden hatte. Ein sogenanntes trübes Medium erscheint im durchfallenden Lieht gelblich-rot, bei seitlicher Be­leuchtung vor schwarzem Hintergrund blau. Goethe nannte diese Erscheinung ein Urphämomen, als eine keiner weiteren Erklärung fähige oder bedürftende Tat­sache und glaubte darauf die ganze Farbenlehre aufbauen zu können. Diese Lehre ist aber physikalisch nicht zu halten. Man kann sie auch nicht dadurchretten, daß man sagt, Goethe und Newton widersprächen einander ja gar nicht, weil Goethes Farbenlehre eigentlich keine Physik sei. Goethe selbst hat diesen Teil seiner Farbenlehre sehr wohl als Physik aufgefaßt. In seiner ganzen späteren Lebenszeit versuchte er gegen Newton anzukämpfen und widmete diesem Kampf auch einen Hauptteil seines Werkes. Trotzdem kann Goethes Farbenlehre auch heute noch mit viel Genuß gelesen werden, was seinen Grund in der treffenden Schilderung der geschichtlichen Entwicklung und jener von zahlreichen Einzel- beobachtungen hat, die jedermann aus dem täglichen Leben geläufig sind, aber sonst meist nicht beachtet werden Auch die Ausführungen über die sinnlich-sitt­liche Wirkung der Farben, das eigentliche Ziel der Arbeit, sind beachtenswert, wenngleich 'von einem Einfluß auf die Malerei nicht gesprochen werden kann. Für die Lehre von den Gesichts Wahrnehmungen war von großer Bedeutung sein Hinweis auf die Wichtigkeit des Farbkontrastes, d. h. der Erscheinung, daß jede Farbe eine anderefordert. Das beruht nicht auf Ermüdung oder Urteils­täuschung, sondern auf der natürlichen Funktion des Auges, weshalb Goethe vonphysiologischen Farben spricht und sie an die Spitze seines Werkes stellt.

Die Bedeutung von Goethes Farbenlehre für die physiologische Optik der Gegenwart liegt demnach kurz gesagt darin, daß er zur Wertung von Weiß und Schwarz als subjektiv gleichberechtigte Grundlagen des Gesichtssinnes und zur