Goethe, Naturwissenschaften und Technik.
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zu. können. Und so ritt er im November 1777 — sich nach einer Wildschweinjagd am Ettersberg heimlich von seinen Gefährten trennend — nach Norden, um sich an den Abhängen des sagenumwobenen Blocksberges zu seinen Unternehmungen im lieblichen Tale der Ilm vorzubereiten. Es ist bekannt, daß auch ein persönliches Erlebnis diese Reise mitbestimmte — aber wer die „Harzreise“ kritisch liest, der erkennt bald, welche Bedeutung der Oberharzer Bergbau für den jungen Dichter besaß.
Die gewaltigen Blockfelder, die den Brocken damals noch von allen Seiten umgaben, die kleinen elenden Bergdörfer, die undurchdringlichen Dickichte und das Brausen des Novembersturms in den zusammengebrochenen Wäldern blieben in der Seele des Dichters ebenso lebendig, wie das Einfahren der Bergleute in den dunklen Schacht hinab zu dem „Muttergestein“ des Erzes, dem geheimnisvollen Granit in der unerforschbaren Tiefe.
Erfüllt von neuen Eindrücken, kam Goethe nach Weimar zurück. Und wenn Herder schreibt: „eine der lächerlichsten Genieperioden war die bergmännische in Weimar, als die Bergwerke von Ilmenau wieder gangbar gemacht werden sollten; da war der Mensch gar nichts, der Stein alles“, so sieht man daraus, wie wenig selbst ein so geistvoller Mann die eigentlichen Motive des forschenden und arbeitenden Freundes verstand.
Die Sorgen, die der begonnene Schacht verursachte, die Gelder, die er verschlang, die beständig zunehmenden technischen Schwierigkeiten hatten an Goethes Entschluß, nach Italien, dem glücklichen Land des Südens, zu fliehen, einen wohl nicht geringen Anteil.
Auf seiner Italienfährt kam Goethe nun mit ganz neuen geologischen Problemen in Berührung: der Felsenbau der Alpen, die Kette des Apennins und besonders die dampfenden Vulkane wirkten mächtig auf sein Auge und seinen Verstand (Bild 4). Eine Fülle klassischer Beobachtungen, klarer Deutungen und heute noch bemerlkenswerter Gedankengänge begegnet uns in seinen Briefen. Man hätte glauben sollen, daß ein so guter Beobachter an der Hand dieses den meisten deutschen Geologen nicht zur Verfügung stehenden Materials in dem inzwischen entbrannten Streit um die Natur des Basaltes ein endgültiges und bleibendes Urteil abgeben könne — aber gerade hier versagte Goethe. Unter dem persönlichen Einfluß des weltberühmten Abraham Gottlob Werner, Professors für Mineralogie an der Bergakademie Freiberg und seiner Schüler schwankte er hin und her. und selbst die vermittelnde Meinung des Geologen
Bild 4. Der feuerspeiende Vesuv. Aquarellierte Handzeichnung Goethes.