Goethe, Naturwissenschaften und Technik.
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Besonders eingehend befaßte sich Goethe mit den geologischen Erscheinungen am Kammerbühl (Bild 6). Der Kammerbühl ist ein Hügel im Fichtelgebirge zwischen Eger und Franzensbad. Goethe besuchte iihn zwischen 1808 und 1822 insgesamt achtmal und schrieb mehrere Aufsätze über ihn. Das geologische Problem bestand darin, daß der Steilabfall an der Westseite Basalt, also aus einem vulkanischen Ergußgestein besteht, während der flache, nach Osten verlaufende Rücken des Berges horizontal geschichtetes Schlackengestein ähnlicher
Bild 6. Der Kammerbühl (Handzeichnung Goethes).
Zusammensetzung aufweiist. Eine dort befindliche Schottergnu'be ließ dies deutlich erkennen. Die Umgebung des Berges ist eine Tertiärlandschaft, demnach alter Meeresboden. Der Kammerbühl wurde im 18. Jahrhundert zunächst als vulkanischer Hügel angesprochen, doch konnte damals die horizontale Schichtung des Ostrückens nicht erklärt werden. Goethe nahm zunächst einen Vulkanausbruch unter Wasser an, später näherte er sich der Ansicht der Neptunisten, die Schichtung sei ein Beweis für die Sedimentierung, das Schlackige sei durch Abbrennen eines darunterliegenden Kohlenflözes entstanden. Aber auch diese Erklärung befriedigte Goethe nicht ganz. Er versprach sich schließlich eine
Bild 7. Moderner geologischer Schnitt durch den Kammerbühl. (Schräg schraffiert: Kristallines Grundgebirge; waagrecht schraffiert: Tertiäre Meeresablagerungen; schwarz punktiert: Basalt; schwarz: Vulkanische Aschen, Basalttuff.) (Jahrbuch der k. k. Geolog.
Reichsanstalt 1894.)
Klärung durch Anlage eines Stollens in Richtung gegen den Gipfel. Dieser wurde 1884—1837 von Caspar Graf von Sternberg auch angelegt und führte zu dem vermuteten Ergebnis: Man stieß 'auf den aus der Tiefe heraufführenden Eruptionsschlot, womit die vulkanische Natur des Berges nachgewiesen war. Die horizontale Schichtung auf dem Ostrücken erklärt sich durch Aufschüttung infolge von Westwinden während der Eruption, wobei die schweren Stücke in der Nähe verblieben und die leichteren in größere Entfernung zu liegen kamen, was man tatsächlich beobachtet (Bild 7).
Die Intensität, mit der sich Goethe in die Frage der Granitentstehung — aus dem Erdinmern, vulkanisch, oder als Bodensatzbildung aus dem Wasser, neptuni- stisch — vertiefte, ja geradezu verbiß, geht aus zahlreichen Stellen seiner naturwissenschaftlichen Schriften sowie aus Tagebuchaufzeichnungen hervor. Die