Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
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Franz Kirn Bauer

Natur dos Basaltes und dos Granites 'bewegte damals alle führenden Geister auf dem Gebiete der Mineralogie und Geologie auf das heftigste. ImFaust II läßt Goethe die Worte sprechen:

Anaxagoras: Hast Du, o Thaies, je in einer Nacht

Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?

Thaies: Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen

Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen;

>Sie 'bildet regelnd jegliche Gestalt,

Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

In dieser Rede und Gegenrede liegen die drei großen Probleme, die Goethe bis zu seinem Tode beschäftigt haben, klar erkenntlich: Die Katastrophenlehre, der Vulkanismus oder Neptuniismus und das Aktualitätsprimzip.

Die Katastrophenlehre von Cuvier und Elie de Beaumont erklärte die Ent­stehung der Tierwelt wie die Entstehung der Tiere durch plötzliche Vorgänge im Erdinmern. Der durch Abraham Gottlob Werner in Freiberg geschaffene Neptunismus vertrat die Ansicht, daß der Vulkanismus als eine ganz junge Er­scheinung durch Vorgänge in der äußersten Erdrinde hervorgerufen sei. Alles übrige sei durch Abkühlung entstanden. Für die Anhänger des Vulkanismus war dieser eine immer dagewesene Reaktion des glutflüssigen Erdinnera gegen die Rinde. Das Aktualitätsprinizip sagt aus, daß man die geologischen Vor­gänge der Vergangenheit völlig aus den gegenwärtigen Vorgängen erschließen müsse und 'könne.

Goethe lehnte aber, da er auf seinen Reisen nirgends revolutionäre geologi­sche Vorgänge sah, die Katastrophentheorie gänzlich ab und bekannte sich zu­nächst unter Werners Einfluß zum Neptunismus. Er wurde dann aber, wie wir aus den Xenien sahen, bald schwankend. Nachdem er das englische und fran­zösische Schrifttum über den Vulkanismus in Ungarn und in den Anden gelesen hatte, kam er zu dem Schluß, daß auch er von allem Anfang an hätte Vulkamier werden können, wenn er von der Auvergne oder den Anden ausgegangen wäre.

Auch dem Inhalt mancher späterer Äußerungen nach war und blieb dann Goethe Vulkanier. Die Ursache des Vulkanismus sah er in der inneren Erd­wärme. Goethes Irrtum setzte aber dann ein, sobald er die bei dem magmati­schen Granit gewonnenen Erfahrungen auf die äußerlich ähnlichen sedimentären Konglomerate übertrug und hier simultane Wirkungen zu sehen glaubte, wo Zeitabschnitte von ungeheurer Ausdehnung zwischen die einzelnen Phasen der Gesteinsbildung fallen. Auf ähnliche Abwege wurde Goethe auch gedrängt, wenn er damals die Quarzgänge in den Grauwaöken und Schiefern der älteren Schichten­folgen auf gleichzeitige oder wenigstens rasch aufeinanderfolgende Bildungs- kräfte zurüokführen wollte. Wir begegnen hier, wie bei vielen anderen geologi­schen Erklärungen der GoETHE-Zeit. dem Mangel einer exakten Zeitbestimmung und dem damit zusammenhängenden Unverständnis für die ganz verschiedenen Kräfte und ganz verschiedenen Zeiträume, durch welche dasselbe Gestein nach­einander immer wieder verändert und metamorphosiert worden ist.

Noch herrschte unbeschränkt die alte Lehre von der in wenigen Jahrtausen­den erfolgten Welterschafifung. Was heute zur selbstverständlichen Voraus-