Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
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Goethe, Naturwissenschaften und Technik.

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setzaing jeder Betrachtung erdgeschichtlicher oder paläontologischer Tatsachen gehört: die unendlich langen, aber doch ganz exakt in einzelne Epochen zerleg­baren geologischen Vorgänge das war damals erst im Werden. Es ist auf­fallend, daß Goethe das Buch des ihm wohlbekannten Gothaischen Rates Karl Ernst Adolf v. Hoff (17711837) in Händen hatte und wohlwollend rezen­sierte mit den V T orten:Hier liegt ein Schatz verborgen, zu dem man immer wieder etwas bimzufügen möchte, indem man sich daran bereichert, sich aber nicht daran hielt.. Denn Hoff war der Begründer deraktualistisehen Methode in der Geologie und Paläontologie, welche aus den Erscheinungen der Gegenwart die Rätsel der Vergangenheit zu lösen sucht. Er stand mit Goethe in persön­lichem Verkehr.

Von gewaltsamen Bewegungen der Erdrinde wollte Goethe, wie bereits er­wähnt, nichts wissen. Ein um 200 n. Ghr. erbauter und um 1600 aus vulkanischer Asche ausgegräbener Serapis-Tempel bei Neapel zeigte die Merkwürdigkeit, daß die Marmorsäulen in einer Höhe von 37 Meter von Bohrmuscheln durchbohrt waren. Da solche Muscheln nur in der Brandungszone des Meeres leben, muß man amnehmen, daß der Tempel im Verlauf der Zeit um etwa 8 Meter gesenlkt und dann wieder gehoben wurde. Goethe hingegen erklärte die Sache anders. Er nahm an, daß nach der teil weisen Verschüttung des Tempels ein Fischbehälter existiert habe, in dem die Muscheln gelebt haben. Dieser sei dann ausgelaufen und habe die Muscheln auf das Trockene gesetzt.

Goethe war ein eifriger Sammler von Mineralen, Gesteinen, Pflanzenab­drücken, Versteinerungen u. dgl. mehr. Der damals herrschende enge geologische Zeitbegriff war aber auch schuld, daß Goethe mit den Funden von Elefanten, Rbiimozeronten und Urrindern bei Weimar, den Ammonshörnem auf den Bergen von Jena, den Urpflanzen von den Schieferhalden von Ilmenau und manchen anderen ihm vor die Augen tretenden Tatsachen nichts anzufangen wußte und sich lieber den seltenen, schönen Kristallen zuwandte, die ihm von den Bergleuten und Freunden geschenkt wurden.

Aber Goethe, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr von den Einzel­dingen entfernte, um in höchster Anschauung neue Zusammenhänge des Seins und Werdens zu entdecken, war Naturforscher genug, um auch den Weitergang der exakten geologischen Wissenschaft mit ahnungsvollem Interesse zu verfolgen. Und während er an den Geheimnissen des Faust arbeitete, prüfte er immer wieder ältere eigene Gedanken an der Überfülle neu entdeckter Tatsachen.

Wir würden von diesen inneren Vorgängen seines Geistes nichts wissen, wenn er uns nicht in seinem Arbeits- wie in seinem Sterbezimmer die unzweideutigen Beweise dafür hinterlassen hätte.

In diesem Arbeitszimmer, dessen schlichte Ausstattung in so grellem Gegen­satz mit dem mit Kunstschätzen aller Art erfüllten Besuchszimmer steht, sehen wir an der Wand über dem Stehpult eine Anzahl grauer Steinplatten, die von weißen Quarzgängen durchsetzt werden. Sie führten ihm jeden Tag ein seit Jahrzehnten erwogenes Problem vor Augen: nämlich die Beziehungen des mineral- oder erzgefüllten Ganges zu seinem Nebengestein. Einst hatte auch der Oberharzer Bergmann beide Massen für gleichaltrig erklärt, und Goethe hatte