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Franz Kirnbauer
gemeint, diese Anschauung an den magmatischen 'Gängen beim Granit oft bestätigen zu ikönmen — jetzt war die Lehre von den Gängen weitergeschritten, und niemand 'zweifelte mehr daran, daß ein Quarzgang in einer Grauwacke unendlich viel später entstanden sein müsse als das ihn umhüllende Gestein. Hier an seinem Arbeitspult mag Goethe das uralte Bergmannsproblem oft erwogen und sich innerlich mit der neuen Auffassung versöhnt haben.
Aber noch viel eindrucksvoller wird uns die Beschäftigung des „Weisen von Weimar“ mit den geologischen Epochen und ihrer unendlich langen Zeitdauer vor Augen geführt, wenn wir in seinem Schlafzimmer an der Wand, auf die jeden Morgen der erste Sonnenstrahl fiel, die damals neu erschienene geologische Zeittafel des Engländers de la Beche sehen, die in einer, bis zum heutigen Tag mustergültig gebliebenen Weise die aufeinanderfolgenden geologischen Ereignisse, die in den verschieden alten Gesteinen enthaltenen Überreste vorzeitlichen Lebens und die mannigfaltigen (geologischen Veränderungen der Erdrinde übersichtlich darstellt. Daneben hängt das von Goethe nach den Angaben Alexander v. Humboldts entworfene Bild der verschiedenen Höhen und Vegetatioms- zonen der Erde, auf dem selbst die vom ersten Luftballon erreichte Höhe eingetragen ist, und von dem noch die Rede sein wird. Kurzum, wir sehen hier in unzweideutiger Klarheit, daß Goethe, während er die Mysterien des zweiten Teiles des Faust diktierte, bemüht war, auch die Zeiträume der geologischen Vergangenheit in sein unendlich erweitertes Weltbild miteinzuordnen. Auch gedankenreiche Notizen über Bau und Entstehung der Erde sind uns aus seinen Tagebüchern erhalten. Im Jahre 1782 sagte Goethe übrigens bereits: „Es wird nun bald die Zeit kommen, wo man Versteinerungen nicht mehr durcheinanderwerfen, sondern verhältnismäßig zu den Epochen der Welt rangieren wird.“
Zum Abschluß der Betrachtungen über Goethes Forschungen auf dem Gebiet der Mineralogie und Geologie mögen nun noch kurz einige Einzelheiten erwähnt werden:
Goethe ist als Erstem die Beobachtung zu verdanken, daß der aus Schwerspat hergestellte Bologneser Leuchtstein nur nach Bestrahlung mit violettem Licht leuchtet. Man kann dies wobl als den Anfang der Untersuchungen über die Luminiiszemz bezeichnen. — Eine von Goethe persönlich izusammengestellte Gesteinssammlung mit eigenhändig beschriebenen Zetteln, enthaltend hauptsächlich Funde aus der Umgebung von Karlsbad und Franzensbad, befindet sich in der Bibliothek des Stiftes Tepl. — Im Naturhistorischen Museum in Wien werden mehrere Mineral- und Gesteinsstufen aufbewahrt, die vom Dichter persönlich gesammelt und seinerzeit im Austausch weg in das damalige Wiener Hof- und Mineralien Cabinett gelangten.
Um die Arbeiten Goethes auf dem Gebiete der mineralogischen und geologischen Wissenschaften der Nachwelt dauernd in ehrender Erinnerung zu halten, wurde vom Mineralogen Lenz im Jahre 1806 ein Mineral der Eisenhydroxydgruppe mit dem Namen „Goethit“ benannt. Es ist dies das Mineral Pyrrho- siderit mit seinen Ausbildungen als Nadeleisenerz, Samtblende oder Rubinglimmer u. a. Der Goethit ist kein häufiges Mineral; er kommt meist mit Brauneisenerz und Roteisenerz zusammen vor. Seiner chemischen Zusammensetzung nach ist