Goethe, Naturwissenschaften und Technik.
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Glanz des höfischen Lebens bestand, wo „oben in einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem (Jahr) beygebracbt werden kann“. Er tat den bitteren Ausspruch: „Das arme Volk muß immer den Sack tragen, und es ist ziemlich einerlei, ob er ihm auf der rechten oder der linken Seite zu schwer wird.“ Zwar hat sich Goethe während seiner Amtstätigkeit nie gescheut, der übertriebenen Ausgabenwirtschaft des Hofes einen Riegel vorzuschieben, aber damit nicht immer vollen Erfolg gehabt.
Im Gegensatz zu den ärmlichen Verhältnissen, unter denen damals die Bevölkerung des Thüringer Waldes lebte, konnte Goethe auf dem Oberharz erfreulichere Zustände wa’hrnehmen, wohin ihn, wie erwähnt, mehrere Reisen im Interesse des Ilmenauer Bergbaus führten. Hier waren durch den Aufschwung des Bergbaus Handel und Wandel gehoben worden und blühende Bergstädte legten von dem Segen des Harzer Bergbaus und der Wohlhabenheit der Bevölkerung Zeugnis ab. Durch den Besuch von Bergmamnswohnungen hatte Goethe Gelegenheit, hier Lebensführung und Lebensgewohnheiten der Arbeiterschaft kennenzulernen und so seinen sozialen Gesichtskreis zu erweitern. Um so mehr, weil gerade damals Bestrebungen im Gange waren, die Wohlfahrtspflege und soziale Fürsorge für die Harzlbevölkerung besser auszugestalten.
Über die Eindrücke, die Goethe damals von der Bewohnerschaft des Harzes hatte, finden sich wiederholt Mitteilungen in seinen Briefen an Frau von Stein, so z. B. aus'Goslar: „Wie sehr ich wieder, auf diesem dunklen Zuge, Liebe zu der Klasse von Menschen gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß für Gott die höchste ist. Da sind doch alle Tugenden beysammen: Beschränktheit, Genügsamkeit, gerader Sinn, Treue, Freude über das Leidlichste Gut, Harmlosigkeit, Dulden — Dulden — Ausharren...“ Ferner aus Clausthal: „Der Nutzen aber, den das auf meinen phantastischen Sinn hat, mit lauter Menschen umzugehen, die ein bestimmtes, einfaches, dauerndes wichtiges Geschäft haben, ist unsäglich. Es ist wie ein kaltes Bad, das einen aus einer bürgerlich wollüstigen Abspannung wieder zu einem neuen kräftigen Leiben zusammenzieht.“ Schließlich aus Altenau: „Die Menschen streichen sich recht auf mir auf, wie auf einem Probierstein, ihre Gefälligkeit, Gleichgültigkeit, Hartleibigkeit und Grobheit, eins mit dem anderen macht mir Spaß . ..“
Goethe erkennt mit klarem Blick das Urwüchsig-Natürliche, Praktisch- Tüchtige und Menschlich-Gute, das in dieser M enschenk lasse steckt, und sieht über manches Anstößige und Ungeschliffene gern hinweg. Die Bekanntschaft mit diesen einfachen Gebirgsbewohnern, die noch fast ganz im RoussEAüschen Sinne mit der Natur ihrer Berge und Wälder eng verwachsen waren, bot ihm Erfrischung und Belehrung zugleich. Er lernte das Volksempfinden von neuen Gesichtspunkten aus kennen und bewerten und hatte hiervon einen bleibenden ethischen Gewinn.
Aber in seiner damaligen Lage — Goethe mußte gewissermaßen technische Hilfe aus dem Harz für seinen Ilmenauer Bergbau bringen und die Eigenheit der bergmännischen Arbeit überhaupt erst kennenlernen — standen die praktischen Momente im Vordergrund. Für Goethe, den Geistesarbeiter, mußte es wichtig und lehrreich sein, die Bedingungen zu erforschen, unter denen der Bergmann,
Technikgeschichte, 11. Heft.
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