Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen

Goethe, Naturwissenschaften und Technik.

29

über die Erziehung und Heranbildung des Staatsbürgers und über das Wesen des Idealstaates, wie sie im letzten Buche vonWilhelm Meisters Wanderjahren dargelegt sind. Er gibt hier seiner hohen Meinung vom Werte der erlernten Hand­arbeit deutlich Ausdruck. Er hat ihre kulturelle und ethische Bedeutung durch­aus erkannt und gewürdigt und ihr sogar ein besonderes Maß von Verantwort­lichkeit (beigemessen.

So ergeben sich aus Goethes Gedankengänigen, wie immer, wenn er zu uns spricht, auch auf den Gebieten des werktätigen Lebens manche Hinweise und Ausblicke bedeutsamer Art. Er hat in allen Phasen seines Daseins des Menschen­schioksais innere Werte <zu erfassen und auszuschöpfen verstanden. Dabei galt es ihm nicht in erster Limie um sein Dichterwesen und Künstlertum, sondern um sein Menschentum schlechthin, um die vollkommenste Ausgestaltung und den höchsten Aufschwung seiner Persönlichkeit. Es (bedeutete in seinem Sinne ein günstiges Geschick, daß er mitten in seinem geistigen Schaffen und inmitten seiner Welt voll hochstrebender Ideen auch für einige Zeit mit den kon­kreten Dingen des praktischen Lebens in nähere Berührung gekommen war. Sie gaben ihm einen unmittelbaren Begriff vondem Unzulänglichen menschlichen Wissens und Könnens und von der Bedingtheit menschlicher Arbeitsleistung überhaupt. Auf den Sohaffensgebieten der Technik stieß er auf Schranken und Widerstände, die heftig bekämpft werden mußten und die sich schließlich als unüberwindlich erwiesen. Und gerade dem Bergbau war es be- schieden, ihm den ewigen Widerstreit zwischen theoretischem Wollen und prak­tischem Können deutlich vor Augen zu stellen. Das (Bergwesen und alle übrigen Gebiete der Technik bedeuteten für ihn eine lehrreiche Schule der Erkenntnis.

Die soziale Einstellung Goethes dem Arbeiterstand kn allgemeinen und dem einfachen Bergmann als Einizelpersönlichkeit gegenüber läßt sich aber aus seinen Äußerungen, wie sie hier wiedergegeben wurden, klar erkennen: Goethe brachte dem einfachen Manne, dem Sühachthäuer und Streckenförderer, tiefes Verständnis für die Schwere ihrer Arbeit und für die ihnen auferlegte Verantwortung ent­gegen. Es ist unleugbar, daß Goethe dem Bergmannsstand jederzeit eine 'be­sondere Hochachtung zollte, Wesen und Wert der Handarbeit schätzte sowie Not und Armut des Arbeiters erkannte und würdigte. Goethe, der große Fürst im Reiche der Dichter und Denlker, schämte sich nicht des Beobachtens arbeitender Stände und des SiCheinfühlens in dasVolk. Diese Tatsache dürfte aber weiteren Kreisen bis heute unbekannt geblieben sein.

Wir (können somit ermessen, wie überaus vielseitig Goethes technische Be­strebungen, Belange und Beziehungen waren. Wissenschaft, Technik und Kunst waren Goethe nicht einander ausschließende Gebiete menschlichen Schaffens; wenn er die Kunst als Offenbarerin geheimer Naturgesetze betrachtet, die ohne sie ewig verborgen blieben, so entsprach dies seinen eigenen Erfahrungen auf den Gebieten des Forschens und Bildens. Zweifellos hat Goethe die Technik, soweit sie im guten Sinne wirkt, jederzeit hoch eingeschätzt.

Vieles, was Goethe nur als bescheidenes Reis beobachten konnte, ist heute zum großen gewaltigen Baum geworden, in dessen Schatten Millionen von Men­schen zu arbeiten haben. Weit über die kühnste Phantasie auch des genialsten

3 *