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Franz Kirnbauer
Menschen seiner Zeit hinaus* ist die Entwicklung vorwärtsgeschritten. Dem einzelnen ist es nicht mehr möglich, alle Schöpfungen des menschlichen Geistes in sich aufzunehmen. Mit Goethe wollen wir uns freuen an der kraftvoll schaffenden Arbeit, die im Geiste tiefen Friedens und wahrer Humanität das Leben der Menschen ausfüllen soll. Den Tätigen galt die Zuneigung des großen Menschen, der er gewesen, für sie sprach er die Worte: „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat.“ Er erkannte alber auch den tiefen Sinn der Arbeit, als er sagte: „Arbeite nur, die Freude kommt von selbst!“
III. Die Bedeutung Goethes für die Zeit von heute.
Durch Anführung zahlreicher Selbst Zeugnisse winde dargetan, wie groß für Goethe als Mensch nnd Dichter der Gewinn gewesen ist, der sich ihm aus seiner naturwissenschaftlichen und bergmännisch-technischen Betätigung ergab. Mitten in seiner geistigen Schöpferarbeit blieb Goethe zeitlebens ein unermüdlich die Natur befragender und stets lernender Forscher. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ — das tönt uns im „Faust“ aus himmlischer Höhe'verheißungsvoll entgegen. Aber diese Worte gelten nicht allein für den seelisch sich weiter Vervollkommnenden, sondern ebenso für den mit den Problemen der Natur ringenden Geist; und darin liegt wohl Goethes eigentliche bleibende Bedeutung, daß er in einem langen Leben unermüdlich weiterstrebte, alte Auffassungen nachprüfte und immer ein Werdender blieb. Es war wunderbare Unruhe, die Goethes Geist stets erfüllte und die ihn den „Faust“ bauen ließ. Sie beschwor mit mächtigem Seelenflehn den Schöpfergeist um die Anschauung der Zusammenhänge des Lebendigen, von „Willenskraft und Samen“.
Goethes Tiefblick teilt alles Bangen und Grauen, er bannt alle Verzweiflung, welche die Machtbereiche der Verdammnis bis in jeden Lebensbereich erstreckt sah. Goethe sah aber auch den Machtbereich des in Tat und Sinn voll ausgelebten Menschenlebens, und jenen der Gnade. Sie sind wie das Einatmen und Ausatmen, sie sind der Lebensprozeß. So hat auch dieses Erkennen, wie alles, was Goethe bildete, Vollendung. Es hat den reinen Friedenshauch, den ihm der Anblick des Naturdings vermittelte.
Und dieses „Naturding“ spricht auch aus seinen Dichtungen und Werken. Immer suchte Goethe das „Harmonische in der Natur“, was auch aus seinem Gedichte entgegenklingt, das im „Naturhistorischen Bilder- und Lesebuch für die Jugend“, herausgegeben von Jakob Glatz, 1803, enthalten ist.
Nicht auf der grünen Erde nur Am heitern Sonnenschein Erfreut sich mannigfach Natur;
Auch in die Felsen tief hinein Zeigt sich der Form und Farbe Spur.
Hier dürfens kleine Muster sein.
Vernimm, wie Quarz und Kalk so rein In Säulen sieh und Tafeln häuft;
Ein schmales schön gefärbtes Band Harmonisch durch den Jaspis läuft;