Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
Seite
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Goethe, Naturwissenschaften und Technik.

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Ein millionenkörnger Sand Als Fels durch alle Lande reicht;

Ein Pflänzenhaufen sich, verkohlt,

Verschüttet, in der Erde zeigt.

Vernimm, daß, wer auf Berge steigt,

Meermuscheln oft herunterholt.

Und ferner wird man dir erklären,

Wie du dereinst nach manchem säuern Schritt Erfahren wirst, wohin Granit,

Porphyr und Marmor auf der Welt gehören.

Hast du an Stein und Felsen dann genug,

Gleich werden dich Metalle reizen,

Nach denen Kunst, Gewalt und Trug Mit unverwandter Mühe geizen.

Du findest in der Erde Schoß Mit stillen ahnungsvollen Freuden Das Gold als ein metallisch Moos Sich wachsend von dem Steine scheiden,

Das Silber als Gesträuch, das Kupfer als Gestrüppe.

Bewunderung stammelt deine Lippe,

Und neue Schätze werden bloß.

Wenn geometrisch Zinn und Blei In Fläch und Ecke sich beschränken,

So wird das Eisen oft sich frei In Zapfen tropfend niedersenken.

Aus des Zinnobers roter Kraft

Läuft dir Me reu r in Kügelchen entgegen,

Und was der Zink, der Kobalt Gutes schafft,

Das weiß dein Lehrer auszulegen.

Was nun auf diesen Blättern fehlt,

Das zeigt er dir im Kabinette;

An seiner Hand besuche dann die Stätte,

Wo unverhüllt sich uns Natur verhehlt,

Die dich und jeden Stein beseelt.

Für Goethe, den Dichter, bedeutete das Eindringen in die Geheimnisse der Natur und in die Rätsel der Tiefe weit mehr als die Lösung rein wissenschaft­licher Probleme. Sein geniales Streben fand einen unaussprechlichen Reiz darin, dem Urgrund aller Dinge, den unerforschlichen Tiefen der Weltentstehung und des Weltgeschehens nachzusinnen und soweit als irgend möglich näherzukom­men. Es war jenes faustische Sehnen nach dem Unerforschlichen, das Ringen nach dem Erkennen des Urphänomens, das schon den jugendlichen Schüler zur Ausführung chemisch-mystischer Experimente getrieben hat und ihn sein ganzes Leben hindurch bis in die Tage seines Alters begleitete. Viele seiner Aussprüche nehmen hierauf Bezug. Mit am schönsten wohl und zugleich am engsten an seine bergmännische Tätigkeit anknüpfend, sind die Zeilen, die Goethe im Jahre 1816 seinem Mitarbeiter Voigt zu dessen Amtsjubiläum widmete: