Aufsatz 
Goethe, Naturwissenschaften und Technik / von Franz Kirnbauer
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen

32

Franz Kirnbauer

Von Bergestuft, dem Äther gleich zu achten,

Umweht, auf Gipfelfels hochwaldiger Schlünde,

Im engsten Stollen, wie in tiefsten Schachten Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde,

War ein gemeinsam köstliches Betrachten,

Ob nicht zuletzt Natur sich doch ergründe?

Was Goethe als Forscher leistete, war etwas Neues und Erstmaliges im Ver­laufe der MensChheitsenitwicklung. Er erhob sich zu solcher Höhe der Anschau­ungen, daß er in den Dingen der Natur göttliche Ideen wahrnahm, die nur dem dichterischen, dem seherischen Geist als Inspiration und göttliche Erkenntnis zuteil werden. Bei ihm ging bewußte Forschung in Dichtung über. Das groß­artigste Denkmal dieser für alle kommenden Geschlechter bedeutenden Entwick­lung ist der'zweite Teil seinesFaust. "Was seit grauer Vorzeit Himmelsgeschenk war, errang hier ein Mensch. Diese Einheit von Erkennen und Gestalten, von Wahrheit, Schönheit und Sittlichkeit wird immer wieder höchste Bewunderung erregen.

Goethe 'ist trotz öffentlicher, breiter und ehrerbietiger Anerkennung noch im weitesten Maße unbekannt. Was schlimmer ist, er ist auch verkannt. Das böse Wort:Goethe und kein Ende wollen wir Menschen von heute aber positiv auf­fassen und sagen: ja, mit Absichtkein Ende, denn er hat uns noch immer Vieles zu sagen!

Und wenn sich die Technilkensehaft Österreichs im Goethe- Jahr 1949 die Frage stellt:Was bedeutet uns Goethe heute?, so kann die Antwort darauf nur lauten:

Zahlreiche Parallelen der GoETHE-Zeit zur Gegenwart sind uns gegeben: Armut und Not, Notwendigkeit und der Wille zum 'Wiederaufbau herrschten damals und herrschen heute. Eine Planmäßigkeit in der Arbeit sowie ein Mobil- madhen aller Kraftreserven in menschlicher, technischer und finanzieller Be­ziehung ist heute wie damals vonnöten.

Es bestehen aber auch zahlreiche Unterschiede zwischen der GoETHE-Zeit und der Gegenwart: Die Technik ist weit fortgeschritten. Trotz aller Mühen blieben die Arbeiten in Ilmenau damals erfolglos; heute würde man der Wasser­schwierigkeiten spielend Herr werden. Die Irrtümer der geologischen Anschau­ungen Goethes oder seiner Farbenlehre sind aufgeklärt und überholt.

Und die Lehren für die Gegen wait daraus? Sie können wie folgt Umrissen werden:

An Goethes Leben und Forschen erkennen wir die Notwendigkeit der Zu­sammenschau aller Dinge, die die uns umgebende Welt als eine Symbiose von Natur, Geist, Seele und Technik erkennt. Unsere Auf­gabe und Pflicht ist es, nicht einseitige Techniker allein zu sein, sondern im GoETHEschen Sinne die Gesamtschau über alle Teilgebiete der Naturwissenschaf­ten nicht izu verlernen. Wir Techniker dürfen das Leben nicht rein materialistisch betrachten. Vergessen oder verleugnen wir diese Zusammensehau aller Dinge im GoETHEschen Sinne, dann werden wir einseitige Materialisten, die zwar als Techniker ihrem Beruf nachgehen oder ihre Arbeit pflichtgemäß erfüllen können,