Erinnerungen an Eudoef Wegscheider.
ft 7
überbürdung 1905 zurück, um sich unbeschwert seinem Lehramte an der Wiener Universität zu widmen.
Als Wegscheider seine wissenschaftliche Laufbahn begann, stand die Chemie noch ganz im'Zeichen der organischen Chemie. Seine Lehrer und Lehres- lehrer waren Organiker, und seine Doktorarbeit, die von Barth angeregt, aber von Wegscheider selbständig durchgeführt wurde, galt zwei aromatischen Säuren. An der organischen Richtung bewahrheitete sich vor allem das Wort des größten deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe: „Die Chemie erweiset sieh von ausgöbreitetster Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß aufs Leben.“ Die organische Chemie lieferte das Heer der Feinpräparate, der Farbstoffe, vieler photographischer Präparate und der Pharmazeutika. Von der organischen Chemie führt ein direkter Weg zur Biologie und zu den lebenswichtigen und lebensbedeutungsvollen Stoffen, den Vitaminen, Hormonen, Genen, Enzymen und Viren. So verspricht die Lehre vom Leben einmal in der organischen Chemie auf zugehen.
Hat der Chemiker einen reinen Stoff, ein „chemisches Individuum“ aus einem Naturprodukt gewonnen oder im Laboratorium hergestellt, so findet eierst dann Rast und Ruhe, wenn er auch seine „Konstitutionsformel“ aufgedeckt hat. Das Tatsachenmaterial, das das Studium des Stoffes ergibt, legt er in die Formel hinein, und er vermag es und dazu iauoh noch Zukünftiges aus ihr wieder herauszulesen. Die Formel ist die ökonomische, konzise, präzise und bündige Beschreibung des Stoffes und seines Verhaltens im Experimente. Die Methode der Konstitutionsermittlung hat sich vor allem am Benzol und an den „Aramaten“ entwickelt, und mit vielem Recht ließ Johannes Thiele über seiner Laboratoriumstüre die Inschrift anibringen: „Am Anfang war das Benzol.“
An dem Problem der Konstitutionserforschung hat sich in der Chemie eine eigene Denkweise, das intuitive Erschauen ausgebildet, und gehen wir von der Ringformel des Benzols von August Kekule (1865) zur aller jüngsten wissenschaftlichen Großtat, zur Freimachung der Atomenergie über, so scheint es mir kein Zufall zu sein, daß der Entdecker derselben, der Berliner Chemiker Otto Hahn, aus der organischen Schule hervorgegangen ist. Also auch hier stand am Anfang das Benzol. Der übliche Name „Atomenergie“ trifft allerdings den Nagel nicht auf den Kopf. Auch die alte und heute noch technisch wichtigste Energiequelle, die Verbrennung der Kohle, ist Atomenergie, und die Deutung des Verbrennungs- oder Oxydationsvorganges stand zu Beginn aller chemischen Forschung und Theorie. Bei der Atomwaffe und den zu erwartenden Friedensinstrumenten handelt es sich aber um die „Atomkernenergie“, die als geballte Energie im Innersten des Atoms Vorgelegen ist, während die millionenmal schwächere Energie des Verbrennungsvorganges in den äußersten Teilen der Atome ihren Sitz hat. Beide Arten von Energien sind vorgegeben, das Problem besteht immer darin, sie freizumachen. Hierzu bedient man sich bei der „Atomhüllenenergie“ der Wärme höherer Temperatur und der „Katalyse“. In dem Katalysator liegt der Zauberstab vor, nach dem die Alchimisten so lange und meistens vergeblich unter dem Namen des „Stein der