Aufsatz 
Erinnerungen an Rudolf Wegscheider / von Anton Skrabal
Entstehung
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Anton Skrabal

Weisen suchten, der aber in der neuzeitlichen Chemie ausgedehnte "Wissen­schaftliche und technische Anwendung findet. Die Chemie ist nach Alwin Mittasch eine katalytische Wissenschaft geworden. Für die Freimachung der ..Atomkernenergie des Urans und Plutoniums hat Otto Haiin 1938 in den lang­samen Neutronen den geeigneten Katalysator gefunden.

Auch Rudolf Wegscheiders wissenschaftliche Leistungen nahmen von Problemen der Benzolchemie ihren Ausgang, und bei seiner Neigung, die all­gemeinen Gesichtspunkte zu erfassen, erkannte er alsbald und vielleicht als erster klar und deutlich das Prinzip, das jeder Konstitutionsermittlung zu­grunde liegt. Man kann es alsMinimumsprinzip oder als dasPrinzip der möglichst geringen Strukturänderung bezeichnen. Die wenigen Reaktionen, die von diesem Prinzip abweichen, nennt manUmlagerungen. Ihre Er­klärungen stellen den Strukturchemiker vor schwierige Aufgaben. Die Sub­stitutionen am Benzol verlaufen in der Regel frei von Umlagerungen, und ihre große Zahl und ihr glatter Verlauf haben den Anstoß zum Ausbau der Chemie des Benzols und derAromaten gegeben. Die Reaktionen derAliphaten, zu welchen die Mehrzahl der Naturstoffe gehört, sind weniger glatt, die prä­parative Kunst auf diesem Gebiete ist häufig eine größere und die Konstitu­tionsermittlung eine schwierigere Aufgabe.

Zur Zeit als R. Wegscheider an die Konstitutionsaufklärung der Opian- säure und Hemipinsäure herantrat, war in derphysikalischen Chemie ein neuer Wissenszweig erstanden, der in J. H. vant Hoff, Wilhelm Ost­wald, 'Svante Arrhenius und Walter Nernst seine vornehmsten Vertreter fand. In Parenthese sei vermerkt, daß damals an der Grazer Universität der Physiker Ludwig Boltzmann, der gleich einem Magnet die junge Physiker­welt an sich zog, wirkte. So kamen auch der Schwede Arrhenius und der Westpreuße Nernst nach Graz, und der damalige Assistent am Boltzmann- schen Institute, der Physiker Albert von Ettingshausen erkannte alsbald in dem kleinen Studiosus Nernst die werdende Größe und zog ihn zu sei­nen Experimenten heran. In vorbildlicher Dankbarkeit widmete später der große Nernst sein führendes Lehrbuch der theoretischen Chemie sei­nem Lehrer Ettingshausenin treuer Erinnerung an seine Lehr- und Wan­derjahre. Seither war Nernst bis an sein Ende ein oft und gern gesehener Gast in Graz, welche Stadt er «als seine zweite wissenschaftliche Heimat be zeichnet e.

Der Wiener Organiker von Barth hat Wegscheider auf die physikalische Chemie verwiesen, ähnlich wie Jahre später der Grazer Organiker Zdenko Hans Skraup seinen (Schüler Robert Kremann. Die erforderliche Belehrung erfuhr Wegscheider aus den Schriften von Wilhelm Ostwald, dessen per­sönliche Bekanntschaft er wesentlich später machte. Es hat zwar immer Männer gegeben, die die Methoden und Denkweisen der Physik auf chemische Pro­bleme anwandten, unter dem Einfluß der eminenten Entfaltung der organischen Chemie und der in dieser Sparte traditionell gewordenenchemischen Denkweise entfremdete sich die Mehrzahl der Chemiker der Physik, die Arbeiten der Norweger C. M. Guldberg und P. Waage, des Deutschen August