Erinnerungen an Rudolf Wegscheider.
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Horstmann und des amerikanischen Physikers W. Gibbs und anderer fanden nicht die ihnen gebührende Würdigung. Da war es der organisatorische und propagandistische Feuergeist eines Wilhelm Ostwald, der die physikalische Chemie im Zusammenhang darstellte und in seinem „Lehrbuch der allgemeinen Chemie“ niederlegte. Dieser „große Ostwald“ wurde zur Bibel der Physikochemiker. Von diesem Werke sagte Z. H. Skraup, daß es das einzige „'dicke Buch“ der Chemiker war, das nicht nur gekauft, sondern auch gelesen wurde. Auch noch der Schreiber dieser Zeilen hat aus diesem Buche und den kleineren Werken von J. H. van ’tHoff geschöpft und erst nachher die Vorlesungen aus theoretischer Chemie von Wegscheider an der Wiener Technischen Hochschule gehört. Rudolf Wegscheider aber wurde der „Physikochemiker Österreichs“, worunter er zunächst allerdings zu leiden hatte, denn dieses Fach war noch kein von der Unterrichtsverwaltung anerkanntes. So erreichte Wegscheider erst mit 43 Jahren das längst verdiente Ordinariat, die höchste Stufe auf der akademischen Leiter. Wenn es seither anders geworden ist, so ist dies nicht zuletzt das Verdienst Wegscheiders.
Die zünftigen Organiker standen der neuen Lehre nicht selten ablehnend, zuweilen sogar feindlich gegenüber, zumal, wenn sie sie nicht verstanden. Anders der Organiker Wegscheider, für ihn war die neue Denk- und Arbeitsweise gerade wie geschaffen, um mit ihrer Hilfe organischen Konstitutionsproblemen an den Leib zu rücken, während es im allgemeinen zuerst die Anorganiker waren, denen die neuen Gesichtspunkte willkommen schienen. Die Kombination „anorganische und physikalische Chemie“ hat sich vielfach bis auf den heutigen Tag erhalten. Auch noch jetzt hatte Wegscheider unter der Ungunst der Verhältnisse zu leiden, denn erst mit 39 Jahren erhielt er einen Doktoranden als Mitarbeiter. Was das bedeutet, weiß nur der, der die Art der chemischen Experimentalforschung kennt, die auf die Zusammenarbeit des Vorstandes und „Doktorvaters“ mit den „Doktorsöhnen“, wissenschaftlichen Hilfskräften und Assistenten abgestimmt ist. Berücksichtigt man noch die mehr als bescheidenen Hilfsmittel, die dem Gelehrten auch noch in der Vollkraft der Mannesjahre zur Verfügung standen, so erklärt sich die große Zahl (etw T a 200) seiner wissenschaftlichen Arbeiten daraus, daß Wegscheider, gleich vielen anderen berühmten Österreichern, die „mit Wasser kochen“ mußten, ein ausgezeichneter und überragender Theoretiker war.
Von seiner Dissertation ausgehend, durchstreift Rudolf Wegscheider das ungeheuere Gebiet der organischen, anorganischen, mineralischen und physikalischen Chemie, Thermodynamik und Kinetik, um immer wieder auf seine Erstlingsarbeit zurückzukommen. Wegscheider war von einer seltenen Belesenheit, ein Vielwisser, der die ganze Chemie und die physikalische Chemie von ihrer klassischen Periode bis zur neueren Quantentheorie kritisch übersah. Man ist versucht, ihn als den „letzten Chemiker“ zu bezeichnen, der in der Lage war, sich über die Ganzheit der Chemie ein eigenes Urteil zu bilden. Voraussetzung für diese Vielseitigkeit, Produktivität und Tiefgründigkeit war Weg- scheiders kristallklarer Verstand, die Tiefe und Weite seines Blickes, sein rasches Auffassungsvermögen, ein ausgezeichnetes Gedächtnis, seine unermüd-
Technikgeschichte, 11. Heft.
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