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Anton Skrabal
liehe Arbeitskraft und eine ganz ungewöhnlich logische und mathematische Begabung.
Er selbst führte seine Erfolge auf günstige Erbanlagen zurück. Von seinem Großvater, einem Tiroler Bauern, will er sein Unabhängigkeits- und Selbständigkeitsgefühl ererbt haben, von seiner strenggläubigen Mutter das Pflichtgefühl mit einem Einschlag katholischer Askese. Er besaß aber auch juristische Veranlagung, und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich letztere auf seinen Vater Dr. jur. Johann Wegscheider zurückführe. Als vor vielen Jahren zwischen dem Verein österreichischer Chemiker und den Herausgebern Dr. Hans Heger und Dr. Eduard Stiassny der Österreichischen Chemiker- Zeitung Verhandlungen wegen Ankauf der letzteren stattfanden, war die Zeitung auch durch einen Rechtsanwalt, der Verein allein durch seinen Vorstand, an der Spitze durch seinen Präsidenten Wegscheider, vertreten. Der gegnerische Rechtsanwalt hat sich mir gegenüber wiederholt dahin geäußert, daß kein Jurist die Interessen des Vereines besser hätte vertreten können als es Wegscheider getan hat.
Wegscheider, der Vielbeschäftigte, hat durch 25 Jahre die Geschicke des Vereines österreichischer Chemiker als Präsident und nachher noch als Ehrenpräsident gelenkt, neben ihm sein Jugendfreund Karl Hazura, beiden stand ich während meiner Wiener Zeit als jugendlicher „Geschäftsführer“ zur Seite. Konnte man Wegscheider als den Kopf, so durfte man Hazura als die Seele des Vereines bezeichnen. Letzterer hatte einen großen Freundeskreis, war un- gemein beliebt und verstand es wie kein anderer, Gelder zusammenzubringen. Der Löwenanteil an letzteren floß dem „Hlasiwetz-Denkmalfonds“ zu, er sowie weitere Fonds gingen in der Nachkriegszeit durch die Kroneninflation verloren.
Wegscheider war seiner ganzen Veranlagung wie seiner Arbeitsrichtung nach der „reine Theoretiker“. Von der Chemie kann man aber sagen, daß sie wie keine zweite Wissenschaft derart lebensnahe ist, daß ihre theoretischen Forschungsergebnisse früher oder später von eminenter praktischer Auswirkung auf Technik und Industrie sind. Das gilt natürlich auch hinsichtlich der Arbeiten von Wegscheider. Der prakti sch veranlagte Chemiker wird so häufig auf die Laufbahn des Erfinders und technischen Unternehmers geleitet. Klassische Beispiele hiefür sind Justus von Liebig, der Begründer der Agrikulturohemie, C. F. Schönbein, der Erfinder der Schießbaumwolle, die Physikochemiker W. Nernst und W. Ostwald und unser berühmter Landsmann Karl Auer Freiherr von Welsbach, der Erfinder des „Auerstrumpfes“, des pyrophoren Cereisens und der elektrischen Metallfadenlampe. Der theoretisch veranlagte Chemiker wird aber die technische Ausnutzung seiner Forschungsergebnisse gerne anderen überlassen. Die Leistungen derartiger Männer werden früher oder später allgemeiner Besitz der Menschheit. In seinem Buche „Das Licht“ hat der englische Physiker John Tyndall rückhaltlos dargelegt, daß nicht die unmittelbare Anwendung jeder wissenschaftlichen Leistung auf praktische Ziele die Quelle dauernden Nationalwohlstandes ist, sondern die ernste, auf direkten Gewinn verzichtende, selbstlose Pflege der Wissenschaft. Ein solcher Mann, der in uneigennütziger Hingabe der reinen