Erinnerungen an Rudolf Wegscheider. 61
AVissenschaft, ihrer Vertiefung und Verbreitung diente, war Rudolf AVeg-
SCHEIDER.
Man würde aber Wegscheider nicht gerecht werden, wenn man sagen würde, daß er an der technischen Seite seiner AVissenschaft desinteressiert war. Er selbst hat daran erinnert, daß die Zeit, da er als Fabrikchemiker sich in Heilbronn betätigte, für ihn sehr nützlich war, da er dabei den Beruf kennen lernte, dem sich die Mehrzahl der Chemiker zuwendet. Als langjähriger Präsident des größten österreichischen Fachvereines war Wegscheider in steter Fühlungnahme mit der chemischen Industrie, wobei die bezüglichen Beratungen wirtschaftlicher und technischer Art waren. Zahlreiche Gutachten und Eingaben, die der Verein österreichischer Chemiker an die maßgebenden Stellen geleitet hat, entstammen der Feder W t egscheiders. AVegscheider selbst spricht von der „faszinierenden Persönlichkeit AVilhelm Exners“, die ihn in den Kreis des Technischen Versuchsamtes gezogen, obwohl die dort zu lösenden Aufgaben ihm etwas ferne lagen. Als nichtständiges fachtechnisches Mitglied des Österreichischen Patentamtes hat Wegscheider viele wertvolle Gutachten abgegeben. Unvergessen werden die Verdienste bleiben, die sich AA 7 eg- scheider um den Chemieunterricht an den österreichischen Hochschulen erworben hat. Daß die Namen der an ihnen ausgebildeten Chemiker auch im Auslande einen guten Klang haben, ist nicht zuletzt das Verdienst von Rudolf AA 7 egsciieider. Viele seiner ehemaligen Hörer oder Assistenten waren oder sind in hohen akademischen und industriellen Stellungen tätig.
Als der Vorsteher des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereines Josef Klaudy zu Anfang der Jahre 1900 Vorträge über moderne Chemie veranstaltete, hatten auch wir Jüngeren die freudig begrüßte Gelegenheit, neben den inländischen Gelehrten auch die großen chemischen „Kanonen“ des Auslandes kennenzulernen und sprechen zu hören. So kamen Wilhelm Ostwald, W. Nernst, J. H. van ’t Hoff, R. Abegg, Georg Lunge, 0. N. Witt, G. Ciamt- cian, Sir William Ramsay u. a. nach AVien. Bei dem dem Vortrag folgenden Bankett war es selbstredend Wegscheider, der den illustren Gast zu begrüßen hatte. Da zeigte sich uns Jüngeren, daß der etwas „trockene Patron“ ein nicht nur geistreicher, sondern auch humorvoller Tischredner sein kann. So sagte er gelegentlich des Besuches von van ’tHoff: „Die Trinksitten bringen es mit sich, daß vor mir ein Glas Schaumwein steht“, und anschließend daran zeigte er, wie tiefgehend unsere Kenntnisse über den Schaumwein durch die Forschungen von van ’tHoff gefördert wurden. Oder gelegentlich des Vortrages des Technologen Lunge verglich er die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis mit einem Ehebündnis mit der Theorie als männlichem Ehepartner, welches Bündnis alle Formen der Ehe annehmen kann: Liebesheirat, Vernunftehe, Geldheirat, die wilde Ehe, die morganatische Ehe und die Mesalliance. Nur AVegscheider selbst fand zum Heiraten keine Zeit, und so fuhr er erst als Hochbetagter in den schützenden Hafen der Ehe ein. Wenn er sich einmal Erholung gönnte, suchte und fand er sie in den Bergen seiner Väter, und noch als alter Herr hat er Klettersteige in Zeiten bezwungen, die einem jüngeren Mann alle Ehre gemacht hätten.
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