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Anton Skrabal
Bei allen feierlichen Anlässen und Kongressen war Wegscheider der Wortführer der österreichischen Chemiker. Das erwies sich vor allem auch bei der ersten internationalen Tagung der Chemiker nach dem ersten Weltkriege in Utrecht 1922 und gelegentlich der Herausgabe der „International Critical Tables“ in New York und London. Nur in seinem Lande wird der Prophet zuletzt geehrt. Das zeigte sich beim „Hofrat“. Als Wegscheider diesen Titel erhielt, erwiderte er die vielen Gratulationen mit einem gedruckten Dankschreiben, in welchem er darauf hinwies, daß er in diesem verspätet erhaltenen Titel keine Auszeichnung zu erblicken vermag, und entgegen seiner Bescheidenheit und Gepflogenheit setzte er unter seinem Namen die Akademien und gelehrten Gesellschaften, die ihn zu ihrem Mitgliede erwählten (Wien, Göttingen, München, Erlangen, Halle a. S.).
Besonders hervorgehoben verdient 'die mathematische Begabung Wegscheiders zu werden. Als ich mich einmal mit ihm über Chemie und Mathematik unterhielt und die Auffassung vertrat, daß dem Chemiker mit einem „mathematischen Freund“ nicht gedient sei, daß für ihn nur dann etwas Brauchbares herausschaut, wenn er selbst rechnet, pflichtete er mir bei, indem er gestand, daß auch er diese Erfahrung machen konnte. Wegscheider war mathematischer Autodidakt, mit der Differentialrechnung machte er sich bereits am Salzburger Gymnasium durch Selbststudium vertraut, und unter allen Chemikern der klassischen Zeit war er zweifellos der beste Rechner. Zu seiner mathematischen Begabung gesellte sich sein kritischer Geist, und nach Emil Abel verkörperte sich in Rudolf Wegscheider das „kritische Gewissen der physikalischen Chemie“.
Jeder Kritiker muß damit rechnen, auf Gegnerschaft zu stoßen, und diese blieb auch hier nicht aus. So hat der Berliner Physikochemiker Max Bodenstein, ein ausgezeichneter Experimentator, in Ansehung der mathematischen Behandlung von Zwischenstoffreaktionen auf intuitivem Wege im Jahre 1913 ein Rechenverfahren gewonnen, das in der Folge von allen seinen vielen Schülern und Anhängern adoptiert wurde und sich bis auf den heutigen Tag einer globalen Verbreitung erfreut, das aber vom mathematischen Standpunkte aus stark anfechtbar ist. Bodenstein hat sich 1937 bitter darüber beklagt, daß „zwei österreichische Kollegen“ — gemeint sind Wegscheider und der Schreiber dieser Zeilen — sich gegen sein Verfahren ablehnend verhielten, und in einem Madrider Vortrag vom Jahre 1934 bezeichnet er Wegscheider mit einem sarkastischen Unterton als den „Hüter mathematischer Korrektheit“. Zweifellos war Wegscheider zeitlebens wirklich ein derartiger Hüter, der in puncto mathematischer Exaktheit keine Konzessionen kannte.
Es ist hier nicht der Ort, auf die Ergebnisse der W EGSCHEiDERschen Arbeiten einzugehen, existiert doch nicht nur eine Literatur von Wegscheider, sondern auch eine solche über Wegscheider. Nur auf eine und, wie mir scheint, wichtigste Arbeitsrichtung sei hier hingewiesen. Es ist die Lehre von der Reaktionsgeschwindigkeit oder von der chemischen Kinetik. Ihre Gesetze sind einfach, gewaltige mathematische Schwierigkeiten erwachsen aber daraus, daß so gut wie stets im Experimente mehrere gleichzeitig verlaufende