Erinnerungen an Rudolf Weg3Cheider.
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Reaktionen oder „.Simultanreaktionen“ Vorgelegen sind. Rudolf Wegscheider war der erste, der sich um die Wende 1900 an dieses Problem heranwagte, von seinen Schülern wurde es weiter verfolgt, und noch vor kurzem wurde diese Reaktionskinetik als die „ostmärkische Linie“ bezeichnet. Mit den Simultanreaktionen steht das Problem der Katalyse im allerengsten Zusammenhang. In einer Arbeit, die ihrer Zeit vorauseilte, unterschied Wegscheider zwischen zwei Arten von Katalysatoren. Die eine ändert nichts an der Reaktionsbahn, wohl aber an dem durchschnittlichen Zustand aller Molekeln, entspricht also dem, was man als „Mediumeinfluß“ bezeichnet. Die andere Art von Katalysatoren schafft eine neue Reaktionsbahn, was nur dann möglich ist, wenn der Katalysator selbst in Reaktion tritt. Alsdann ist das Ergebnis ein zweifaches. Auf der einen Reaktionsbahn wird der Katalysator verbraucht, auf der anderen wird er immer wieder regeneriert. Ist letztere vorwaltend, so resultiert „reine Katalyse“. Man kann diese Erklärungsweise der Katalyse als die „WEGSCHEiDERsche Nebenwirkungstheorie“ bezeichnen. Wenn also Katalyse stattfinden soll, so muß der Katalysator zu dem Substrat zwar Affinität zeigen, er darf aber nicht zu affin sein, weil er ansonst alles Substrat an sich reißt. Diese Theorie, die Wegscheider an der Hand der homogenen Kinetik gewonnen hat, hat sich auch bei der heterogenen Katalyse bewährt, was besonders aus den Untersuchungen von G. F. Hüttig hervorgeht. Daß der Katalysator der Zauberstab der modernen Chemie und namentlich der chemischen Industrie ist, wurde bereits oben dargetan.
Wegscheider war kein Vielschreiber, von ihm rührt kein Lehrbuch her, bei seiner Vielseitigkeit und Tiefgründigkeit haben wir uns immer ein solches gewünscht. Er hat sich diese Arbeit für die Zeit seiner Pensionierung Vorbehalten. Bei seiner Gründlichkeit entstand zunächst ein umfassender Abschnitt über „Mathematik für Chemiker“. Nach seinem Tode habe ich das Manuskript in der Hand gehaibt, es war mit der Maschine geschrieben, seine Maschin- schrift war nicht viel leserlicher als seine Handschrift, deren Entzifferung viele Mühe und Kopfzerbrechen machte. Unter der Ungunst der Zeitverhältnisse blieb die Arbeit ungedruckt. Ein anderer wäre unglücklich gewesen, Wegscheider aber sagte sich: „Die Abfassung hat mir Freude gemacht, hiermit ist der Zweck erfüllt.“
Wegscheiders Vorlesungen waren etwas tonlos, aber äußerst klar und vollkommen druckreif. Nur selten sah man ihn als populären Vortragenden, denn die Popularisierung geht häufig auf Kosten der Exaktheit, und hiefür war Wegscheider nicht zu haben.
Anläßlich des 70. Geburtstages von Wegscheider fand am 8. Oktober 1929 im Neubau des Chemischen Institutes in der Währinger Straße, um welchen sich der Jubilar und sein Kollege Z. H. iSkraup namhafte Verdienste erwarlb, eine denkwürdige Feier statt. Ich kann mich an keine erhebendere erinnern. Auf die ungezählten Ansprachen und Begrüßungen schlossen sich die Dankesworte des Jubilars, die im folgenden Bekenntnis ausklangen: „Zum Schlüsse darf ich wohl meiner Freude über die schöne Feier Ausdruck geben. Ich fühle mich lebhaft als Angehöriger unseres deutschen Volkes und hänge entspre-